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Auge in Auge mit einem Steinmarder

Wilde Tiere in der Stadt Auge in Auge mit einem Steinmarder

Großstädte ziehen nicht nur vermehrt Menschen an, auch immer mehr wild lebende Tiere richten sich in der urbanen Umgebung häuslich ein. Das ist auch nicht verwunderlich: Während ihr natürlicher Lebensraum immer mehr zerstört wird, geht es ihnen in der Stadt blendend.

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Sorgte wochenlang für „Hörspiele“ im Dach eines Hauses in der Freiligrathstraße am Schrevenpark. Dann legte sich KN-Reporter Volker Rebehn eines Abends auf die Lauer und konnte diesen Steinmarder auf dem Dach fotografieren – vertreiben konnt er ihn allerdings nicht.

Quelle: Volker Rebehn

Kiel. Dort sind die Tische reich gedeckt. Doch Steinmarder, Waschbären oder Rehe bereiten nicht nur Freude. Geruchsbelästigung, Sachbeschädigung oder Ruhestörung können die Tiere zur Plage werden lassen, wie KN-Reporter Volker Rebehn am eigenen Leib erfahren hat.

 Man konnte fast die Uhr danach stellen. Bald nach der Dämmerung waren die ersten schnellen Schritte auf dem flachen Dach, nur etwa drei Meter über meinem Schreibtisch, zu hören. Dann war kurze Zeit Pause, bis das Trampeln wenig später erneut deutlich zu vernehmen war. In der Nacht blieb es ruhig. Irgendein harmloses Tier, so vermutete ich, wird wohl auf dem Dach unterwegs sein. Das „Hörspiel“ wiederholte sich regelmäßig, rückte aber eines Tages gefühlt „bedrohlich“ nahe. Heftiges Kratzen und lautes Getrampel zwischen Dach und Wohnung sorgten erstmals für Unruhe. Die Vermutung: Ein Steinmarder könnte sich dort dauerhaft eingerichtet haben. Die herbeigerufenen Schädlingsbekämpfer wollten den Verdacht aber nicht bestätigen. Nach einer regnerischen Nacht konnten sie keine Spuren entdecken. Es könnte zwar ein Marder sein, vermuteten sie, aber auch Ratten.

Etliche Pfotenspuren...

An der Situation änderte sich nichts. Zur gewohnten Zeit waren auch in den nächsten Nächten Laufgeräusche zu hören. Um rauszukriegen, wer meine Nachtruhe immer wieder störte, packte ich also meine Kamera ein und kletterte eines Abends auf das Dach des viergeschossigen Hauses am Schrevenpark – und wartete, in der Hoffnung, den Ruhestörer zu treffen. Ich hatte tatsächlich Glück. Nach einigen Minuten tauchte aus der Dunkelheit auf dem Nachbardach ein kleiner Schatten auf, der schlingernd direkt auf mich zulief. Ich wartete kurz – und drückte dann den Auslöser. Das Blitzlicht stoppte das Tier, das, offensichtlich völlig überrascht, auf der Stelle umdrehte, auf einen nahen Schornstein flüchtete, nur kurz zurückschaute und sofort wieder in der Dunkelheit verschwand.

Die Begegnung dauerte ganze zehn Sekunden – und ich hatte wieder Glück. Einige der Aufnahmen waren scharf, zeigen ein schlankes etwa 40 bis 50 Zentimeter großes Steinmarderweibchen mit langem Schwanz. Es hatte sich wohl den Dachbereich als Revier erkämpft. Am nächsten Tag kam erneut ein Schädlingsbekämpfer, und dieses Mal gab es keine Zweifel – auf den dunklen Dachbahnen waren etliche Pfotenspuren zu erkennen. Wie und wo der Marder ein Schlupfloch gefunden hat, um unter das Dach zu kommen, war aber erneut nicht auszumachen.

Erst war das Tier - dann der Mensch

„Ein Marder ist nicht der Idealfall als Mitbewohner“, sagt Stefan Bronnmann. Auf Dächern, wie auch an Autos, könnten die Tiere erhebliche Schäden verursachen. Nur dichte Dächer könnten Abhilfe schaffen. Bei Autos sei das schwieriger. Doch Kiels Stadtförster mahnt zugleich zur zu Gelassenheit. „Die Gesellschaft hat ein Stück weit verlernt, mit Tieren zusammenzuleben und hat eine hohe Intoleranz entwickelt“, sagt er. Viele Tiere würden seit Jahrtausenden in Regionen leben, die heute besiedelt seien. Einige Tierarten konnten sich anpassen, wie zum Beispiel Steinmarder, Fuchs, Rehwild, Wildschwein oder Vögel wie Tauben, Möwen und Krähen. Im Schlaraffenland Stadt finden sie reichlich Nahrung und wohnen zudem ungestört in Parks, Friedhöfen, Gärten, Dachböden, verlassenen Häusern und angrenzenden Waldstücken. Andere, wie Wolf, Baummarder oder Damwild konnten nicht profitieren.

Anders als etwa in Berlin, wo neben den 3,5 Millionen Menschen zurzeit geschätzt 5000 Wildschweine, 2000 Marder, 1800 Füchse und 800 Waschbären leben, gibt es solche Zahlen für Kiel nicht. „Gezielt gezählt wird nicht“, sagt Michael Steinicke vom Ordnungsamt. In der so genannten Wildnachweisung würde aber festgehalten, welche und wie viele Tiere im Jagdbezirk erlegt wurden, im Straßenverkehr und aus anderen Gründen gestorben sind. Danach ließen im Jahr 2014/2015 insgesamt 1490 Tiere ihr Leben. 1269 wurden erlegt, 185 verendeten auf der Straße, 45 starben auf andere Art und Weise. Alleine im Straßenverkehr kamen Rehwild (77 von 298), Dachse (7 von 17), Füchse (16 von 74), Feldhasen (27 von 176) und vor allem Steinmarder (21 von 47) ums Leben.

Schätzungen über den tatsächlichen Wildtierbestand lassen sich aber aus der Wildnachweisung ebenso wenig ableiten wie aus dem Wildtierkataster, das das Institut für Natur- & Ressourcenschutz der Universität Kiel (IfNR), Abteilung Landschaftsökologie, als Gemeinschaftsprojekt mit dem Landesjagdverband seit 1995 führt. „Es gibt zurzeit keine Methoden zur Erfassung und Hochrechnung von Wildtierarten in schleswig-holsteinischen Großstädten“, erklärt Heiko Schmüser, wissenschaftlicher IfNR-Mitarbeiter. Daher gebe es keine seriösen Zahlen. Wegen der langen Isolation sei das in Berlin anders. Dort habe die Erforschung der Stadtökologie Tradition.

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