20 ° / 6 ° heiter

Navigation:
Der Totenleser

"Wir in Kiel" Der Totenleser

Im Juli feiert die Landeshauptstadt Kiel in der Nikolaikirche ihren 775. Geburtstag. Pünktlich zum Jubiläum veröffentlichen die Kieler Nachrichten und der Wachholtz-Verlag das Buch „Wir in Kiel“. Das Motto lautet: 50 historische Ereignisse – 50 Menschen. Diese Folge: Rechtsmediziner Prof. Michael Tsokos.

Voriger Artikel
Ein Rathausturm mit Totalschaden
Nächster Artikel
Verwaltung: Alles andere als langweilig

Prof. Michael Tsokos ist Deutschlands bekanntester Rechtsmediziner.

Quelle: Tom Körber

Kiel. Von der Stadtgründung 1242 bis zum Stadthonig 2017: Es wird die Geschichte einer Luther-Bibel in der Uni-Bibliothek erzählt, die Erfindung des Kreiselkompasses oder wer im THW-Maskottchen Hein Daddel steckt. Ausgewählte Geschichten gibt es als Serie auf KN-online.

Diesen Mann kann eigentlich nichts erschüttern. Prof. Michael Tsokos hat über 200.000 Leichen gesehen. Er hat Menschen seziert, die erwürgt, erstochen, ertränkt und gefoltert wurden. Er kennt alle Abgründe der Menschheit. Für das Bundeskriminalamt reiste er in den Kosovo und nach Bosnien.

Hier half er beim Identifizieren von Leichen aus Massengräbern. Auch nach dem Tsunami in Thailand wurde seine Hilfe angefordert. Und als wäre das noch nicht genug, schreibt er Bestseller-Thriller, für die man ziemlich starke Nerven braucht. Aber wenn eines seiner fünf Kinder sich das Knie aufgeschlagen oder beim Frühstücken in den Finger geschnitten hat, muss er rausgehen. "Bei meinen eigenen Kindern kann ich kein Blut sehen", sagt er und lächelt verschmitzt.

Michael Tsokos ist der bekannteste Rechtsmediziner Deutschlands. Er tritt in Talkshows auf, schreibt Kolumnen, berät Jan Josef Liefers vom Münsteraner Tatort und moderiert. Seine erste Leiche war Hamster "Fredi". Da war Michael Tsokos fünf Jahre alt. Im Pappkarton mit Blumenstrauß wurde der im heimischen Garten in Kiel-Kronshagen beerdigt. Viel später nach einem "miserablen" Abi, zwei Jahren Bundeswehr und dem zweitbesten Medizinertest deutschlandweit, pflasterten von da an die Toten seinen Weg. "Mit einem Kollegen meiner Mutter, die das Kieler Gesundheitsamt geleitet hat, war ich oft im Kieler Krematorium", erzählt Michael Tsokos. "Eine zweite Leichenschau ist immer Pflicht." Gruselig fand er das nie. "Da liegt ja nur noch eine leere Hülle. Der Pilot ist raus."

An den Geruch wird sich der Mann, der 1967 in Kiel geboren wurde und seit 2007 die Rechtsmedizin der Berliner Charité leitet, aber nie gewöhnen. "Leichengeruch ist unerträglich", sagt er. "Leider habe ich auch noch einen guten Geruchssinn. Aber wenn ich am Seziertisch stehe, ist alles gut. Dann geht es nur noch um die Arbeit und  die Suche nach der Todesursache." Pfefferminzöl unter der Nase, wie es so schön im Film "Schweigen der Lämmer" gezeigt wird, geht übrigens gar nicht. "Mein Nase hilft mir beim Ermitteln." So könnte der Geruch nach Hochprozentigem auf eine Alkoholvergiftung hindeuten. Riecht es nach Bittermandel, könnte Zyankali eine Rolle spielen.

Auch nach Jahrzehnten der Arbeit an Toten: An die Leichen von Kindern wird er sich nie gewöhnen. "An Gott kann ich deshalb nicht mehr glauben", sagt Michael Tsokos. "Einen Gott, der so etwas zulässt, kann es nicht geben." Mit der Streitschrift "Deutschland misshandelt seine Kinder" machte er 2014 seiner Wut Luft. Aber auch die Familie sorgt dafür, dass er nach einem Arbeitstag die faulenden Leichen und die oft grausamen Todesumstände vergessen kann. Jahrelang hatte er ein Ferienhaus in Brasilien vor den Toren Kiels. "Aber irgendwann war die Fahrt einfach zu lang", sagt er. "Nun urlauben wir halt am See in Brandenburg. Im Herzen bleibe ich aber doch immer ein Kieler."

Asche zu Asche

Im Jahr 1900 erhält Kiel den dringend benötigten neuen Friedhof im Norden der Stadt, den Friedhof Eichhof. 16 Jahre später folgt die Eröffnung des Kieler Krematoriums in Verbindung mit einem Urnenfriedhof. Am 2. Februar 1916 wird das Krematorium seiner Bestimmung übergeben. Der Schiffsreeder F.-J-A. Paulsen wird als Erster eingeäschert. 1960 /1962 wurde eine kleine Feierhalle angebaut, die große Halle vergrößert. Um würdevoller Abschied nehmen zu können, entstanden 1980/1981 neue Aufbahrungsräume. Seit dem Jahr 2003 wird das Kieler Krematorium von der Feuerbestattungen Schleswig-Holstein GmbH privatwirtschaftlich betrieben. In vier Öfen können etwa 30 Einäscherungen pro Tag vorgenommen werden - im Notfall auch zu jeder Tages- und Nachtzeit. In Kiel sind 85 Prozent aller Bestattungen Feuerbestattungen. 

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

Kieler Förde

Schiffspositionen in
der Kieler Förde, dem
NOK und der Ostsee.

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Anzeige
Mehr aus Nachrichten aus Kiel 2/3