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Überzeugungsarbeit in der Turnhalle

Wohncontainer für 170 Flüchtlinge Überzeugungsarbeit in der Turnhalle

Sozialdezernent Gerwin Stöcken hatte am Mittwochabend keinen leichten Stand. Er besuchte die 513. Ortsbeiratssitzung in Schilksee und wollte über die Pläne der Stadt berichten. Die sehen vor, dass in Kürze 100 Wohncontainer auf dem Parkplatz Tempest aufgestellt werden.

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Großer Informationsbedarf zur geplanten Flüchtlingsunterkunft am Parkplatz Tempest in Schilksee: Stadtrat Gerwin Stöcken musste bei der Ortsbeiratssitzung auf viele Ängste und Sorgen eingehen.

Quelle: Frank Peter

Schilksee. 170 Flüchtlinge sollen dort wohnen. Doch die Fragen und Ängste der knapp 500 anwesenden Bürger prasselten in der Vaasahalle nur so auf ihn ein.

Irgendwann platzte ihm der Kragen: „Ich bin hier nicht zum Verhör, sondern zum Erklären“, sagte er. Bisher seien 2300 Flüchtlinge in Kiel aufgenommen worden, bis zum Ende des Jahres würden es vermutlich 4000 sein. Insgesamt 170 Menschen sollen künftig in Schilksee leben. Auf der grünen Wiese ginge das nicht, da man ohne Fundament keinen Container aufstellen könne. Der Parkplatz Gaffelweg sei nicht groß genug. „Da würden nur drei Meter Abstand zu den Nachbarn bestehen bleiben. Das ist definitiv zu wenig“, so Stöcken. Und der Platz in der Schlimbachallee sei für ein Wohnprojekt für ältere Menschen vorgesehen. Was denn mit der alten Funkstelle oder dem leeren Schlecker-Markt sei, wurde gefragt. Doch Stöcken erklärte, dass bei der Funkstelle eine Rückbauverpflichtung bestehe und der ehemalige Schlecker-Markt nicht der Stadt gehöre.

 Gut an dem Parkplatz Tempest sei, so Stöcken, dass der im Winter nicht gebraucht würde. In der nächsten Woche soll der Platz so vorbereitet werden, dass die Container aufgestellt werden können. Dabei handele es sich nur um einen Teil des hinteren Bereichs des Platzes, der Großteil bliebe als Parkfläche erhalten. Sein Ziel sei es, so Stöcken, „den Stadtteil nicht zu überfordern“ und gemeinsam die Situation zu meistern. „Kein Flüchtling soll ewig in den Containern wohnen. Aber im Moment haben wir keine andere Chance, diesen Menschen gerecht zu werden. Und ich bitte Sie, mitzuhelfen.“

 Ob für eine Wohnnutzung nicht der Bebauungsplan für den Standort Tempest geändert werden müsse, wurde gefragt. „Da hab’ ich keine Bedenken“, sagte Stöcken. Zurzeit würden in solchen Fällen sehr abgeschwächte Standards gelten. Auch die Sorge um genügend Parkfläche werde er im Blick behalten. „Da sehe ich ein echtes Problem“, so der Stadtrat. Aber bei einer Begehung finde sich bestimmt eine Lösung.

 Um die Sicherheit auf beiden Seiten zu gewährleisten, würde mit der Polizei ein Sicherheitskonzept erarbeitet werden. „Geschützt werden die Flüchtlinge aber auch durch Sie“, betonte Gerwin Stöcken. Der Leiter des 1. Polizeireviers, Kai Born, stellte klar, dass die Kriminalität durch den Flüchtlingszustrom nicht auffällig angewachsen sei. Höchstens unter den Flüchtlingen. Sein Revier betreut unter anderem auch das Nordmarksportfeld mit derzeit 800 Flüchtlingen. Eine personelle Aufstockung sei für Schilksee deshalb nicht angedacht und auch kein zweites Revier.

Helfertage geplant

 Für diejenigen, die helfen wollen, hatte der Schilkseer Pastor Peter Scharfenberg gleich zwei Termine parat: Ein erstes Helfertreffen ist für Freitag, 27. November, 17 Uhr, im Gemeindesaal oder in der Kirche geplant. Am Mittwoch, 2. Dezember, 15 bis 17 Uhr, soll das erste Café International stattfinden. „Rufen Sie uns in der Kirchengemeinde an, wenn Sie etwas tun wollen“, ermunterte er mögliche Unterstützer.

 Ein 20-Jähriger, der seinen Namen nicht nennen möchte, berichtete später, dass viele Jugendliche in Schilksee sehr genervt seien. „Das sind alles fadenscheinige Argumente, die da ausgetauscht werden. Ich glaube nicht, dass die Kriminalität nicht ansteigt“, sagte er. Auch das Ehepaar Dieter (77) und Sibylle Oberheide (76) war nach rund eineinhalb Stunden skeptisch und verließ den Saal. „Das wird alles noch sehr schwierig“, ist sich Dieter Oberheide sicher. „Die Flüchtlingsentwicklung wird hier in Schilksee schwer mit den sportlichen Dingen kollidieren.“

 Ganz anderer Meinung ist Bärbel Weinacht (72). Die Olympia-Bewerbung werde ihrer Meinung nach nicht leiden. „Das Flüchtlingsproblem ist ja schließlich kein Kieler Problem. Alle anderen Städte haben ja genauso mit der Flüchtlingswelle zu kämpfen“, sagt sie und geht hinaus in die regnerische Nacht. Unter einem Unterstand steht Gerwin Stöcken und raucht eine letzte Nachtzigarette. Morgen ist ein neuer Tag. Ein neuer Tag, an dem der Stadtrat irgendwo in Kiel wieder Überzeugungsarbeit leisten muss.

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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