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Am letzten Tag gönnt er sich eine Zigarre

Wulf Wersig Am letzten Tag gönnt er sich eine Zigarre

Wenn alle Schubladen und Regale ausgeräumt und die letzten Bilder von der Wand seines Büros abgenommen sind, wird sich Wulf Wersig am allerletzten Tag an seiner Schule einen genussvollen Frevel gönnen: eine dicke Zigarre rauchen, „gerade deshalb, weil es eigentlich verboten ist“.

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Der RBZ-Schulleiter Wulf Wersig.

Quelle: Michael Kaniecki

Kiel. Das passt. Denn unkonventionelle Wege hat der Chef der zweitgrößten Schule im Norden und einer der besten in Deutschland in seiner Pädagogenlaufbahn schon einige beschritten. Zum neuen Schuljahr beginnt für den Leiter des Regionalen Berufsbildungszentrum (RBZ) Wirtschaft mit dem (Un-)Ruhestand ein neuer, ebenfalls unkonventioneller Weg.

Freunde hatten Wulf Wersig gewarnt. Dem 68-Jährigen drohe der „Sturz in den Abgrund der Bedeutungslosigkeit“, wenn er nach Ende seiner Schulleiterzeit nicht mehr dafür sorgen muss, dass alles rundläuft in einem pädagogischen Kosmos mit rund 4500 Schülern und mehr als 200 Lehrern. Damit das nicht passiert, schmiedete der umtriebige Pädagoge, der eigentlich nie Lehrer werden wollte, schon große Pläne. So will Wulf Wersig sein Wissen weitergeben, zum Beispiel an der Deutschen Schulakademie, der Humboldt Media School (beide Berlin). Oder sich um Fortbildungen von Schulleitern im Saarland kümmern.

Kultur des wechselseitigen Vertrauens

Die dafür nötigen Erfahrungen bringt der studierte Volkswirt und Diplom-Handelslehrer wohl mit. Fast sechs Jahre fungierte Wersig nicht nur als pädagogischer Leiter des RBZ Wirtschaft, sondern gleichzeitig auch noch als Geschäftsführer dieser „Anstalt öffentlichen Rechts“. Damit war der Schulleiter verantwortlich für einen 20-Millionen-Euro-Etat (inklusive Lehrerplanstellen), konnte weitgehend selbstständig wirtschaften, zum Beispiel Schulräume an externe Bildungsträger vermieten, Geld ansparen und in neue pädagogische Konzepte inklusive Personal investieren.

Die rasante Entwicklung dieses „mittelständischen Unternehmens“, wie Wersig seine Schule halb scherzhaft gerne nennt, wurde 2013 durch einen 23 Millionen Euro teuren RBZ-Neubau am Westring noch einmal beschleunigt. Dort entstanden zum Beispiel 16 sogenannte Lerndörfer mit klassenübergreifend nutzbaren PC-Arbeitsplätzen, Lager- und Aufenthaltsräumen inklusive Kühlschrank und Kaffeemaschinen.

Dieses von Wersig und seinen Kollegen entwickelte Konzept überzeugte auch eine gestrenge Expertenjury, die dem RBZ 2014 den Deutschen Schulpreis zusprach. Sie lobte in ihrer Urteilsbegründung die „hervorragende Schulneugründung in einer exzellenten, auf Transparenz und Offenheit angelegten Architektur“ sowie „die kluge räumliche Verzahnung ihrer zahlreichen Bildungsgänge mit einer Kultur wechselseitigen Vertrauens.“

"...offenbar zu renitent"

Im Rückblick dürfte dem scheidenden Schulleiter dieses Lob in Verbindung mit einer so renommierten Auszeichnung wie ein später Triumph erscheinen. Auch, wenn er es selbst so nicht formuliert. Denn 2010 musste sich Wulf Wersig die Rechtmäßigkeit seiner Bewerbung als Schulleiter vor dem Verwaltungsgericht Schleswig erst erstreiten.

So wollte das Bildungsministerium die Bewerbung des seit 2006 amtierenden kommissarischen Schulleiters (seit 1997 Vize-Schulleiter) nicht zulassen. Begründung: Sie widerspreche dem Schulgesetz, das die Besetzung von Schulleiterstellen aus dem Kollegium heraus nur in begründeten Ausnahmefällen zulasse. Wersig vermutet: „Offenbar war ich einigen im Ministerium zu renitent.“

Dennoch verfügten die Schleswiger Richter die Zulassung zum Wahlverfahren mit einem für Wersig erfolgreichen Ausgang: „Diese Monate der Ungewissheit waren für mich zwar extrem stressig, aber ich habe jetzt meinen Frieden geschlossen mit dieser ganzen ziemlich unerfreulichen Sache.“ Offenbar setzte inzwischen ein Umdenken im Ministerium ein. Denn neuer RBZ-Chef wird zum kommenden Schuljahr aller Voraussicht nach einer von zwei langjährigen Stellvertretern des nun scheidenden Schulleiters.

Wenn Wulf Wersig am zweiten Sonnabend der Sommerferien seine erste und letzte Zigarre in seinem Amtszimmer ausgeraucht haben wird, bleibt wenig Zeit für einen melancholischen Rückblick. Denn am nächsten Tag steht bereits die nächste unkonventionelle Aktion an: der Start einer traditionellen Radtour mit vier Kollegen, diesmal durchs Elsass.

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Ein Artikel von
Jürgen Küppers
Lokalredaktion Kiel/SH

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