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Zu Besuch bei einer alten Dame

Kieler Leuchtturm Zu Besuch bei einer alten Dame

Der Kieler Leuchtturm wurde vor 50 Jahren erbaut und ist die einzige Lotsenstation auf einem Leuchtturm in Deutschland. Beständig wird von dort der Verkehr auf der Kieler Förde geregelt und die Schiffe durch die Nacht geleitet: Zu Besuch bei einer alten Dame.

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Der Kieler Leuchtturm dient als Lotsenstation.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel. Alle drei Sekunden schlägt das Herz des Kieler Leuchtturms. Dann blinkt das helle Lichtsignal auf. Eine Stunde vor Sonnenuntergang bis eine Stunde nach Sonnenaufgang – so lange warnt das Leuchten die Schifffahrer.  Jeder Turm hat seinen eigenen charakteristischen Herzschlag. Damit der auch zuverlässig schlägt, geht es für die Mitarbeiter der Fachgruppe Nachrichtentechnik des Wasser- und Schifffahrtsamtes alle drei Wochen raus auf die Kieler Förde.

Morgens um sieben legt die „Bussard“ ab, um die Elektriker zum Kieler Leuchtturm zu fahren. Eine Dreiviertelstunde Fahrt, dann liegt die Beton-Insel mit dem Turm direkt in Sicht. Unwirklich, rau, mitten im Nichts. Mit dem Anlegen öffnet sich eine vollkommen neue, eine unerwartete Welt. Stille und der Geruch von Schnitzel. Denn der Leuchtturm ist rund um die Uhr bemannt, von dort werden die Lotsen auf die Schiffe gebracht, die in den Nord-Ostsee-Kanal wollen. Ein wachhabender Lotse, der per Funk den Kontakt des in der Funksprache sogenannten „Kiel-Pilot“ steuert und die anderen Lotsen auf die Schiffe verteilt, damit sie den Nord-Ostsee-Kanal passieren können. Und der auch immer ein lockeres „Moin Moin“ für die vorbeifahrenden Fährschiffe parat hat.

Hier finden Sie Bilder vom Besuch beim Kieler Leuchtturm.

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Der Geruch aus der Küche steigt bis in den ersten Stock. Denn die ganzen Lotsen, die von dort übergesetzt werden, haben vor allem eins: Hunger. Dafür ist eine eigene Köchin auf dem Turm. Christa Reinke weiß, was „ihre Jungs“ so mögen. “Manche kenne ich schon Jahrzehnte und denen hat das immer geschmeckt“, sagt sie, während sie in der Pfanne die goldbraunen Schnitzel wendet. Wer nach dem Mittag ins Suppenkoma fallen sollte, kann sich „unter Deck“ in frisch bezogenen Betten ausruhen. Bis auf die moderne Einbauküche ist seit der Errichtung des Turms alles unverändert geblieben. Schlafen mit Retro-Faktor.

Früher lag an der Stelle des Leuchtturms ein Feuerschiff, in den 1960er Jahren wurde es durch den jetzigen Leuchtturmbau als Lotsenstation ersetzt. Der Meeresboden wurde planiert, ein Kiesbett aufgeschüttet und das Fundament draufgesetzt. „Keiner hat geglaubt, dass der Turm so lange mit dieser Bauweise hält. Das ist eine richtige alte Dame mittlerweile“, erzählt der Chefhabende Lotse Michael Christoph.

Der 61-Jährige dreht sich zum Funkgerät: „Kiel-Pilot speaking…“ Es ist die Color Line, die auf ihrer täglichen Route den Turm passiert. „Alles, was an Schiffsverkehr passiert, muss an uns vorbei“, sagt Christoph nicht ohne Stolz. Ein anspruchsvoller Job, 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag. Dafür benötigt jeder Lotse ein Kapitänspatent. Und es kommen immer weniger Lotsen nach.

Was Michael Christoph und seine Kollegen verbindet? Die Liebe zum Wasser. Fast jeder ist selbst einmal zur See gefahren, hat aber meist aus familiären Gründen die langen Fahrten eingestellt. Dabei liegt es manchen einfach im Blut. „Ich wusste mit fünf Jahren schon, dass ich das einmal machen werde“, sagt Sven Walkows. Sein Vater und sein Großvater waren ebenfalls Lotse und Schiffsmechaniker. „Für mich gab es da nie einen Zweifel, dass ich das auch machen möchte“, ist der 40-Jährige sicher und blinzelt vor dem Turm in die Sonne. Die Förde liegt spiegelglatt da, er und seine Kollegen haben ausnahmsweise mal einen ruhigen Tag vor sich. „Wie viel wir zu tun haben, hängt immer vom Schiffsverkehr ab, mal sind es fünf am Tag, mal fünf in der Stunde“, weiß Walkows. Und Kollege Daniel Wagner, genannt Fritzi, ergänzt: „Vor allem im Winter kann es hier draußen rau werden.“ Er zeigt auf eine Delle in der Leuchtturmwand. „Dort hat die See bei einem Unwetter eingeschlagen. Mit so viel Wucht, dass eine Wölbung entstanden ist.“

Es bröckelt schon ordentlich an allen Ecken und Kanten der alten Dame. Damit zumindest das Licht nicht ausgeht, schaut Adina Hoffmann regelmäßig nach dem Rechten. Die 26-Jährige ist eine von zwei Frauen in der Fachgruppe Nachrichtentechnik. Noch genauer: Elektronikerin für Betriebstechnik. Und sie hat schon allerhand Erfahrung mit dem Kieler Leuchtturm. Die Stufen des 33,5 Meter hohen Turms erklimmt sie jedenfalls mit ordentlicher Geschwindigkeit. „Der Blick von oben über die Kieler Förde ist unbezahlbar. Und unsere Aufgabe ist wirklich wichtig. Das ist ein gutes Gefühl“, sagt Hoffmann.

Sie kontrolliert das Leuchtfeuer, die Lampe funktioniert noch, alles in Ordnung. Danach gibt es für die Elektrikerin nur noch kleinere Arbeiten zu erledigen. Bei den Kartoffeln und dem Streusalz im Lager ist eine Leuchtstoffröhre ausgefallen. Und auch draußen beim Anleger ist eine Glühbirne kaputt.

Dann packt die Crew so langsam wieder ihre Sachen. Schiffsführer Bernd Graalmann hat mit der „Bussard“ wieder an der Leuchtturminsel festgemacht. Er hatte den Liegeplatz gewechselt, um für andere Schiffe Platz zu machen. „Dieses Jahr haben mich Delfine und Schweinswale bei der Fahrt begleitet, das ist schon toll“, sagt der 49-Jährige. „Am Wasser fühl ich mich einfach wohl.“ Und da kommt der Besuch bei einer alten Dame gerade Recht.

Koordinaten: 54°29.977' nördliche Breite, 10°16.421' östliche Länge

Bauzeit: 1965/1967

Baumaterial: Drei Fundamentkörper aus Stahlbeton, Turm aus Aluminium

Turmhöhe: 33,50 m

Lichtpunkthöhe: 29,25 m

 
 
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