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„Kiel ist nicht viel anders als Hollywood“

#metoo-Kampagne „Kiel ist nicht viel anders als Hollywood“

Die Zahlen geben zu denken, und sie gehen in die Millionen. Laut einer EU-Studie von 2014 sind 60 Prozent der Frauen in Deutschland seit ihrem 15. Lebensjahr sexuell belästigt worden, 35 Prozent haben körperliche Gewalt erfahren, zwölf Prozent sexuelle Gewalt. Und: Kiel ist keine Insel der Glückseligen.

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Verbinden Hoffnung mit der „#metoo-Kampagne“: Andrea Langmaack und Kirsten Reibisch (rechts) vom Frauennotruf Kiel.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel. Seitdem US-Schauspielerinnen im Oktober begannen, unter dem Hashtag „metoo“ ihre Erlebnisse zu veröffentlichen, registriert der Frauennotruf Kiel knapp 40 Prozent mehr Anrufe. „Wir haben seit Jahren viele Anfragen, aber in den letzten Wochen hat sich aufgrund der ,metoo-Kampagne’ etwas verändert“, hat Traumaberaterin Kirsten Reibisch registriert. Andrea Langmaack, eine der Leiterinnen der Beratungsstelle, ergänzt: „Das zieht sich durch alle gesellschaftlichen Bereiche. Es sind Auszubildende darunter, Arbeitnehmerinnen und Studentinnen.“ Das ist für die Diplom-Pädagogin allerdings keine neue Erkenntnis.

Den Frauennotruf Kiel gibt es seit 38 Jahren, wenn die Mitarbeiterinnen etwas zu beklagen haben, so keineswegs Mangel an Arbeit. Das kann Ursula Schele, Geschäftsführerin des Präventionsbüros Petze in der Dänischen Straße, nur bestätigen. In der ARD-Sendung „Anne Will“ am 12. November erklärte sie: „Ich glaube nicht, dass die Branche in Hollywood sehr viel anders ist. Wir erleben das in Kirchen, in Schulen, am Arbeitsplatz, in der Politik und bei der Polizei. Es gibt eine Kultur, die den Nährboden für sexuelle Gewalt ermöglicht.“ Wie hoch die Dunkelziffer ist, weiß niemand. Kirsten Reibisch schildert den Fall einer Studentin, die an der Uni als Hilfskraft beschäftigt war und der Kollegen unmissverständlich erklärten, wie sie vorankommen könne. Als es die Studentin im Gegensatz zu einer Kollegin ablehnte, sich mit sexuellen Aktivitäten Vorteile zu verschaffen und ihren Professor darauf ansprach, habe dieser gefragt, warum sie so prüde sei. „Ich habe mich daraufhin mal ein bisschen umgehört und erfahren, dass es für Frauen in der Wissenschaft durchaus nicht unüblich ist, solche sexualisierten Angebote zu erhalten. Und wenn sie sich weigern, bekommen sie zu hören: ,Selbst schuld, wenn du nicht mitmachst und deine Karriere gefährdest.’ Das finde ich erschreckend.“ Eine Studie der Universität Bochum von 2014 ist es ebenfalls: Von 12 663 Frauen gaben 6930 oder 55 Prozent an, während ihres Studiums sexuell belästigt worden zu sein.

Andrea Langmaack berichtet von einer Kieler Taxifahrerin, die von einem Kollegen bedrängt wurde. „Die Frau wusste nicht, wie sie damit umgehen soll, denn sie war neu im Unternehmen und wollte ihren Job nicht verlieren.“ Auch die Auszubildende einer Bäckerei habe um Hilfe gebeten. „Wir zeigen diesen Frauen dann mögliche Wege auf, circa jede vierte geht zur Polizei und erstattet Anzeige“, sagt die Beraterin und bewundert und unterstützt jede Frau, die sich dazu entscheidet.

127 Menschen sind 2017 von Mitarbeiterinnen von Beratungsstellen in Schleswig-Holstein bei Gerichtsverhandlungen unterstützt worden, 47 Anfragen waren es im Bezirk Kiel. Auch Kirsten Reibisch arbeitet als Prozessbegleiterin. Dass der Bundestag vor fast exakt zwei Jahren das Gesetz der psychosozialen Prozessbegleitung verabschiedete und vor zwölf Monaten das Strafgesetzbuch um den Paragrafen 184 i (Sexuelle Belästigung) ergänzte, bezeichnet sie als extrem wichtig: „Nun ist ein Nein auch ein Nein, dieses bahnbrechende Gesetz schafft Klarheit. Es gibt immer noch sehr viele Frauen, die an sich zweifeln und sich fragen, ob sie nicht vielleicht zu empfindlich sind.“

Was erwarten die beiden Beraterinnen von der „#metoo-Kampagne“? „Ich würde mir wünschen, dass Männer ihr Verhalten reflektieren und mehr betroffene Frauen ermuntert werden, sich Hilfe zu holen“, antwortet Andrea Langmaack, und Kirsten Reibisch erklärt: „Zuerst dachte ich, das erledigt sich schnell wieder, aber vielleicht hilft ,metoo’ doch, verknöcherte Strukturen in unserer patriarchalischen Gesellschaft zu verändern.“

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