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Arzt hinter Gittern händeringend gesucht

JVA Neumünster Arzt hinter Gittern händeringend gesucht

Der Behandlungsraum ist vergittert, und der Warteraum ebenfalls. Auch sonst ist für Gefängnisärzte manches anders als für die Kollegen draußen. Die JVA Neumünster findet keinen neuen Anstaltsarzt und wirbt für die Stelle mit prominenter Hilfe.

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Die Leiterin der Justizvollzugsanstalt Neumünster, Yvonne Radetzki, mit dem aktuell als Vertretungsarzt tätigen Achim Strassner in einem Warteraum der Krankenstation.

Quelle: Markus Scholz/dpa

Neumünster. Anstellung unbefristet, Gehalt ab 5000 Euro aufwärts, flexible Arbeitszeit, Teilzeit möglich, Verbeamtung auch - diese Stellenausschreibung verheißt eine Bewerberflut. Oder nicht? Die Justizvollzugsanstalt Neumünster sucht seit mehr als einem Jahr vergeblich einen geeigneten Bewerber für die vakante Arztstelle. «Wir haben schon eine Werbung im Radio geschaltet und inserieren jetzt auch zum wiederholten Male im Ärzteblatt der Bundesärztekammer», sagt JVA-Leiterin Yvonne Radetzki. Die neue Stellenanzeige ziert ein Foto des Arztes und Schauspielers Joe Bausch, Gerichtsmediziner im Kölner «Tatort» und im wahren Leben JVA-Arzt in Werl (Nordrhein-Westfalen).

«Das Problem haben derzeit viele Anstalten in Deutschland, sagt Radetzki, die auch 2. Vorsitzende der Bundesvereinigung der JVA-Leiter ist. «Vor allem in Anstalten, die sich in kleineren Städten oder in Randlagen befinden, ist es schwierig.»

Für «Tatort»- und JVA-Arzt Bausch ist die Sache klar: «Das liegt daran, dass die Kollegen am Beginn zu schlecht bezahlt werden». In der Klinik bekämen sie bei weniger Verantwortung mehr Geld. Die Anforderungen seien hoch, sagt der Beamte Bausch, der seit 1986 im Gefängnis arbeitet. Allgemein- und Betriebsmedizin, Notfall-, Ernährungs- und Suchtmedizin - in all diesen Metiers ist Facharzt Bausch zu Hause. «Das ist das, was man braucht», sagt der 64-Jährige mit dem markanten Glatzkopf.

Approbation fehlte

Einen einzigen Bewerber hat Radetzki bisher, einen Arzt aus Libyen, aber dem fehlt die erforderliche Approbation. Die JVA-Leiterin listet Vorteile der Arbeit hinter Gittern auf: «Der Anstaltsarzt muss keinen Notdienst leisten, nicht nachts arbeiten und auch nicht am Wochenende», sagt Radetzki. «Teilzeit ginge möglicherweise auch.»

Als Vertretungsarzt kümmert sich derzeit Achim Strassner um die kranken Gefangenen. Der Internist und Radiologe hilft seit 2011 in Neumünster aus. Seit Februar ist der alte Anstaltsarzt weg und Strassner (69) geht jetzt auch in Rente. Er vermisst bei jungen Kollegen oft die Berufung zum Beruf und sieht bei ihnen den Drang im Vordergrund, möglichst viel Geld zu verdienen. Mit Nacht- und Wochenendzuschlägen könnten sie in der Klinik 3000 bis 4000 Euro mehr verdienen als im Knast, schätzt Strassner. Mehr Freizeit und Zeit für die Familie zu haben, wiege da nicht so schwer. Strassner arbeitet im Knast auf Honorarbasis - täglich vier Stunden, manchmal fünf.

Von 460 Haftplätzen in Neumünster sind derzeit 374 belegt, fast Dreiviertel der Gefangenen sind Deutsche. Hier sitzen Männer ein, die zu Haftstrafen von sechs Monaten bis zu fünf Jahren verurteilt wurden, und Untersuchungshäftlinge.

Anders als draußen ist die ärztliche Versorgung im Knast nicht an ein Budget gebunden. Keine Kasse, das Land trägt die Kosten. Die Gefangenen erhalten auch Erkältungsmedikamente umsonst. «Ihre Anspruchshaltung ist extrem hoch», sagt Strassner. 30 bis 50 Patienten behandelt er täglich - ziemlich viel.

Er könne im Gefängnis Medizin nach Leitlinien betreiben, wie er sie für richtig halte, sagt Bausch. Zudem konnte er so mit Theater und Film weitermachen, was als Arzt in einer Praxis wohl nicht möglich gewesen wäre. Wer aber Probleme habe, mit Straftätern umgehen zu müssen, sollte das sein lassen. Und wer glaube, «Gott hinter Gittern» zu sein, ebenfalls. «Man braucht Geduld und die Verantwortung ist hoch - das ist kein gemütlicher Job im Knast.»

Von dpa

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