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Dem tiefen Selbst begegnen

Auf dem Jakobsweg Dem tiefen Selbst begegnen

Pilger aus Neumünster und Kiel wanderten zwei Wochen lang und 220 Kilometer den Jakobsweg bis nach Santiago de Compostela. Nach ihrer Rückkehr berichten sie über das intensive Ereignis, die eigenen, tiefen Empfindungen zu erleben und dem Selbst, der eigenen Geschichte zu begegnen.

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Horst Rogge (von links), Pastor Gerson Seiß, Harald Jahnecke, Christine Haack und Dieter Koepsell waren zusammen mit 19 weiteren Pilgern 220 Kilometer auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostella unterwegs.

Quelle: Anja Rüstmann

Neumünster. Auf Hirschtalg-Salbe schwören sie alle. Damit werden regelmäßig die Füße eingerieben. Ob Wandersocken gewaschen werden müssen – da streiten sich die Geister. „Ich habe keine Blase gehabt“, sagt Dieter Koepsell (76) stolz. 24 Pilger waren jetzt zwei Wochen 220 Kilometer auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela unterwegs. „Es war ein intensives und bewegendes Ereignis“, sagt Pastor Gerson Seiß von der Vicelinkirchengemeinde Neumünster. „Und eine spirituelle Erfahrung.“

Auch eine knappe Woche nach der Rückkehr sind die Erfahrungen sehr präsent bei den Pilgern. Von Ponferrada bis nach Santiago ging es in 20-Kilometer-Etappen durch eine traumhafte Landschaft. Dass es aber so bergig war, hat einige der Neumünsteraner und Kieler überrascht. „Es war eine absolute Herausforderung, und jeden Nachmnittag war man stolz, es geschafft zu haben“, erzählt Koepsell.

Morgens um 6.30 Uhr sind sie los gewandert, in kleinen Gruppen, manchmal auch ganz alleine. „Den ersten Kaffee gab es oft erst nach 8 Uhr“, erinnert sich Harald Jahnecke (59). Das war schwer. Aber in der Gruppe ist man sich einig: Wir waren eine tolle Gemeinschaft, konnten uns aufeinander verlassen. „Ich habe meine Zeit und meine Ruhe gefunden“, sagt Christine Haack (48). Es gab Zeit, sich zu begegnen, Zeit sich auszutauschen und zu unterhalten, aber jeder konnte auch seinen eigenen Weg machen.

Ausgeschildert ist der Jakobsweg mit gelben Pfeilen und dem Muschel-Symbol. „Morgens mussten wir mit der Taschenlampe los“, so Koepsell. „Wir mussten ja die gelben Pfeile suchen“, erläutert Gerson Seiß. Es gab tägliche Etappen-Ziele, aber keine gebuchten Herbergen. Darum kümmerten sich die Pilger vor Ort, oft übernachteten sie in Schlafsälen. Je näher sie nach Santiago kamen, desto voller wurde der Weg. „Das war wie eine kleine Völkerwanderung, da war richtig Betrieb“, erzählt Horst Rogge (50). Untergekommen sind sie jedes Mal. „Ich hätte sonst auch auf einer Parkbank geschlafen“, sagt Harald Jahnecke. Von seiner Isomatte musste er sich schon früh trennen, ebenso von einer Jeans und einer Jacke. „Der Rucksack war zu schwer.“

Christine Haack hat freiwillig eine Nacht draußen geschlafen, die Ruhe genossen, Sternschnuppen gezählt. „Es war eine tolle Nacht.“ Morgens wurde es dann aber doch sehr frisch. „Mittags hatten wir meist 30 Grad“, berichtet Koepsell. Nach sechs oder sieben Stunden wurde es deshalb Zeit, das Etappenziel zu erreichen. „Und wir hatten nur einen Regentag, aber gerade an dem mussten wir 600 Höhenmeter bewältigen“, erinnert er sich an die Anstrengungen.

Seiß, der 2014 schon allein die kompletten 800 Kilometer des Jakobsweges gegangen war, übersetzt das Wesen der Pilger: „Es fügt sich.“ Hat es sich auch jeden Tag. Horst Rogge fühlte auf dieser Pilgertour sich mit seinem Lebensmotto bestätigt. „Man muss nicht immer nur nach dem großen streben, sondern sich auch an kleinen Dingen erfreuen“, sagt er. „Irgendwann wirst Du Dein Ziel erreichen.“ Der Pilgerweg biete eine ganz besondere Möglichkeit, sich selbst, der eigenen Geschichte, den eigenen tiefen Empfindungen zu begegnen und in dieser Begegnung vielleicht auch etwas der Größe und der Güte Gottes zu erahnen, erklärt Gerson Seiß. In zwei Jahren soll wieder mit einer Gruppe gepilgert werden.

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