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Das Straßenmagazin ist gut für die Seele

2 Euro für „Jerusalëmmer“ Das Straßenmagazin ist gut für die Seele

Es ist kalt. Die Menschen sind in Eile und hetzen die Lütjenstraße entlang. Kerstin Škrobic zieht ihr lilafarbenes Tuch etwas enger um den Hals. Die 50-Jährige steht an der Hauswand und wartet. Darauf, dass jemand ihr für 2 Euro den „Jerusalëmmer“ abkauft. Seit gut sechs Jahren gehört sie zum Team.

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„Jerusalëmmer“, Postkarten, Kugelschreiber und zur Weihnachtszeit auch Kalender bietet Kerstin Škrobic an. „Was gerade gut läuft, habe ich dabei“, sagt sie.

Quelle: Anja Rüstmann

Neumünster. Man kennt Kerstin Škrobic. Von 8 bis 12 Uhr steht sie hier, oder sie sitzt auf dem kleinen grünen Hocker. Wenn ihre „Schicht“ zu Ende ist, kann sie den im Fahrradkorb verstauen. Obwohl Wochenmarkt ist und eine Menge Menschen unterwegs sind, läuft der Verkauf des Straßenmagazins irgendwie nicht. Das gibt aber Zeit, um ein bisschen zu plaudern. Warum macht sie das? Warum verkauft Kerstin Škrobic den „Jerusalëmmer“? „Ich möchte doch etwas tun“, sagt sie. Seit ihr Mann gesundheitliche Probleme hat und nicht mehr in Vollzeit arbeiten kann, versucht sie, zu ihrer Erwerbslosenrente etwas Geld dazuzuverdienen. Obwohl ihr eine 90-prozentige Schwerbehinderung attestiert ist.

 Bei den Temperaturen ist es eine Qual. Gibt es einen Trick? Mütze, Schal, langer Mantel, dicke Pyjama-Hose unter der Jeans – „ich habe ein gesundes Immunsystem“, sagt sie. Und lächelt weiter. „Die Leute sind alle so freundlich“, lobt sie ihre potenzielle Kundschaft. Noch immer hat niemand nach der Zeitschrift gefragt. 2 Euro kostet sie, 90 Cent davon bekommt der Verkäufer. „Aber einige Leute geben mehr“, sagt sie. Heute noch niemand. Zum Ende des Monats ist es immer schwer, noch einen Käufer zu finden.

 So ist das auch bei Peter Kwiatkowski. Der 49-Jährige sitzt gemütlich auf einem Klapp-Liegestuhl vor Karstadt und hält auch einen „Jerusalëmmer“ in der Hand. Wirklich gemütlich? „Ich hab‘ bei minus 20 Grad draußen übernachtet, Kälte macht mir nichts aus“, behauptet er. Als Obdachloser ist er nach Neumünster gekommen, hat dann aber eine Wohnung gefunden und verdient sich als Straßenmagazin-Verkäufer ein bisschen. Über einen heißen Kaffee freut er sich, fast noch mehr über eine Zigarette. „Manchmal ist es zu kalt, um mir eine zu drehen“, gesteht er.

Peter Kwiatkowski verkauft seit einem halben Jahr das Straßenmagazin "Jerusalemmer". Meistens ist er vor dem Karstadt-Gebäude zu finden. Bei einer Werbeaktion der Holsten-Galerie bekam er einen Klapp-Liegestuhl geschenkt - jetzt kann er es sich gemütlich machen. Foto: Anja Rüstmann

Quelle:

 Auch Kwiatkowski erwartet den Monatsanfang und die neue Ausgabe des „Jerusalëmmer“. Alle zwei Tage kauft er ein paar Ausgaben im Café Jerusalem, einer Einrichtung der evangelischen Allianz. Hier gibt es Essen, Lebensmittel, Kleidung und Unterstützung. Und den „Jerusalëmmer“. Wenn er nicht alle verkauft, ist es allerdings sein Pech. Zurückgenommen wird keine Ausgabe. Da muss man rechnen und gut kalkulieren. Aber der Mann auf dem Liegestuhl nimmt’s gelassen. „Ich habe 25 Jahre „Hempels“ verkauft“, verweist er auf seine Erfahrung.

 „Wir haben 40 Verkäufer in unserer Liste, auf der Straße stehen meistens sieben“, sagt Andreas Böhm, Leiter des Cafés Jerusalem aber auch Redaktionsleiter des „Jerusalëmmer“. 1000 Stück werden jeden Monat gedruckt. Drei Mitarbeiter gibt es, die Reportagen schreiben, Kollegen von anderen Straßenmagazinen vorstellen, auf Veranstaltungen hinweisen, layouten. „Wir hatten mal eine achtköpfige Redaktion und eine Schreibwerkstatt. Das hat aber nicht funktioniert“, erklärt Böhm. „Das Straßenmagazin aus dem Herzen Schleswig-Holsteins“ ist für ihn auch Programm. „Wir wollen die Leser ermutigen, soziales Elend und Ungerechtigkeit wahrzunehmen.“

 Böhm sucht noch Paten für die Verkäufer, die mit Spenden das Magazin unterstützen. Damit die Menschen am Rande der Gesellschaft weiterhin ihre Aufgabe haben und den „Jerusalëmmer“ verkaufen können. Oder Postkarten, Kalender, Weihnachtskarten – alles eigene Produkte. „Unsere Achtung gilt jedem Straßenverkäufer. Sie stehen bei jeder Witterung in und um Neumünster“, heißt es auf Seite 2 des Magazins. Ab Montag stehen sie mit der druckfrischen November-Ausgabe. Kerstin Škrobic, Peter Kwiatkowski und die anderen aus dem Team hoffen auf viele Käufer. „Der „Jerusalëmmer“ ist was Gutes für die Seele“, wirbt Kerstin Škrobic.

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