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Eine Stadt verschließt die Augen nicht

Stolpersteine in Neumünster Eine Stadt verschließt die Augen nicht

Gleich vier Enkel und fünf Urenkel waren angereist zur Verlegung der sechs Erinnerungs-Stolpersteine für die jüdischen Familien Weißbaum und Hopstein. Und so kam es am Kuhberg 27 während der Aktion des Kölner Künstlers Gunter Demnig zu einem veritablen Menschenauflauf.

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Edith Margalit-Hecht (links) und Tamar Zehar mit dem Stolperstein für ihre Großmutter Edith Weissbaum.

Quelle: Sven Detlefsen

Neumünster. Seit Dienstagnachmittag erinnern in Neumünster mehr als 30 Stolpersteine an ehemalige Mitbürger, die Opfer des Nationalsozialismus wurden, im Pflaster vor deren Wohnhäusern. „Kleine Steine werden Denkmale als Rufer, Mahner, Erinnerer“, stellte Walter Blender fest, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Bad Segeberg.

 Dieser Gemeinde hatten Gustav Weißbaum, geboren 1894 im polnischen Sgjersh, und seine ebenfalls aus Polen stammende, ein Jahr später geborene Frau Edith angehört. Gustav kam 1922 nach Neumünster, war zunächst als Tuchmacher, dann als Kaufmann und Stricker tätig. Das Paar wohnte zunächst in der Altonaer Straße 20. In Neumünster kamen die Töchter Hermine und Irmgard zur Welt; Ediths jüngere Schwester Anita Hella Hopstein zog nach.

 „Im April 1933 verließen sie Neumünster, ohne sich abzumelden. Vermutlich erkannten sie die drohende Gefahr und emigrierten“, sagte in einer kleinen Feierstunde OB Olaf Tauras. In der Niederländischen Stadt Roosendaal gründete das Ehepaar der Strickwarenbetriebs Weba, der bald 60 Mitarbeiter beschäftigte. Hier kam 1936 auch der Sohn Dan Barnadus zur Welt. 1938 gründeten sie in Den Haag zusammen mit einem Verwandten eine Trikotagenfabrik.

 Nach dem Einmarsch der Deutschen 1940 tauchte die Familie mit Hilfe der Widerstandsbewegung unter. Die Angehörigen trennten sich, lebten in verschiedenen Verstecken. Nach Denunziation kamen die Eltern am 20. Januar 1944 zunächst ins Gefängnis Scheveningen, dann in das Judendurchgangslager Westerbork. Gustav und Edith Weißbaum wurden am 11. Februar 1944, drei Tage nach ihrer Einlieferung, im KZ Auschwitz ermordet.

 Enkelin Edith Margalit-Hecht (56) schilderte wie sich die Geschwister wiederfanden. Ihre Mutter Helmine heiratete 1945 einen Soldaten der jüdischen Brigade der britischen Armee und ging nach Israel, ein Jahr später folgte (illegal) Irmgard. Mit 14 Jahren kam auch der kleine „Benno“ nach. Ein Dutzend Enkelkinder der ermordeten Weißbaums erblickten in Israel das Licht der Welt.

 „Eine Hoffnung, die grausam versagte und die die Familie bis heute beschäftigt“, konstatierte Margalit-Hecht. Wer in Zukunft an diesem Haus vorgehe, werde an die Familie erinnert, die hier einst glücklich lebte. Walter Blender zollte Neumünster Dank und Respekt. „Eine Stadt“, lobte er, „die die Augen vor der Vergangenheit nicht verschließt.“

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Ein Artikel von
Sabine Nitschke
Holsteiner Zeitung

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