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Geschockt und wütend

Karstadt Neumünster schließt zum 30. Juni 2016 Geschockt und wütend

Erst waren die Mitarbeiter geschockt, gelähmt und traurig. Langsam schlägt es in Wut um. Zum 30. Juni 2016 wird Karstadt in Neumünster geschlossen. Die Nachricht ist knapp einen Monat alt. 99 Mitarbeiter sind betroffen, Angestellte einer einst stolzen Firma, die an der Schwale 1888 nach Wismar und Lübeck das dritte Karstadt-Haus überhaupt eröffnete. Jetzt ist das Ende in Sicht.

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Seit 1998 residiert Karstadt am Großflecken, doch schon 1888 eröffnete die (damals dritte) Filiale in Neumünster. In einem Jahr ist das Geschichte.

Quelle: Anja Rüstmann

Neumünster. Von außen bröckelt es an der Fassade des 1951 errichteten Hauses, im Inneren steht die Karstadt-Familie zusammen. Und versucht, sich gegenseitig zu helfen.

 „Da wir ein Jahr Vorlauf haben, müssen wir nicht in Panik verfallen“, sagt Betriebsratsvorsitzende Barbara May. Aber es gibt viel zu tun. Karstadt Neumünster war etwas Besonderes. Wer hier arbeitet, bleibt. Betriebszugehörigkeiten von 25 bis 45 Jahren sind die Regel. Wie geht das eigentlich, arbeitslos oder arbeitssuchend zu sein? Die Agentur für Arbeit informiert bei einer Veranstaltung direkt im Hause über das, was für viele unendlich weit weg schien und jetzt immer näher rückt. Wie sucht man sich einen neuen Job?

 Barbara May ist seit 37 Jahren im Betrieb, hat bei Hertie gelernt. Ihr Betriebsrats-Kollege Rüdiger Beyme arbeitet seit 36 Jahren bei Karstadt – seit 1996 in Neumünster. „Wir sind alle gelernte Fachverkäufer“, erklärt er. Wie geht es weiter? „Auf jeden Fall ist die Schließung unabänderlich“, sagt Barbara May. Am 30. Juni 2016 müssen sie das Gebäude besenrein übergeben. Der Vermieter habe offensichtlich bereits Pläne, „warum sollte er sonst auf zehn Jahre Miete verzichten?“ Der Vertrag wäre bis 2026 gegangen. Sie und Beyme sind sich einig: „Wenn wir wüssten, was hier reinkommt, hilft es uns vermutlich auch nicht weiter.“

 Quer über den Teich nimmt die Holsten-Galerie Formen an, das DOC im Süden der Stadt erweitert. Hilft das weiter? Dort öffnen viele junge Läden, viele Boutiquen. Aber nur acht Prozent der Karstadt-Mitarbeiter in Neumünster sind unter 40 Jahre alt. Was werden die Firmen für Verkäufer einstellen?

 Karstadt hat eine interne, bundesweite Stellenbörse. Mitarbeiter von schließenden Häusern werden bei der Besetzung von freien Stellen bevorzugt. Doch Barbara May fragt sich, wie weit sich die einzelnen Kollegen verändern können. „Das Leben spielt sich doch hier ab!“ Jeden Tag reden sie miteinander. „Wir kennen uns alle so lange und so gut, wir erkennen sofort, wenn ein Kollege Hilfe braucht – ob Gespräch oder Umarmung“, sagt die Betriebsratsvorsitzende. Es gibt eben einen großen Zusammenhalt und einen sehr familiären Umgang.

 Und die Kunden? 80 Prozent sind Stammkunden, die meisten sind von der Schließungs-Nachricht überrascht und geschockt, sie sind niedergeschlagen und bieten gemeinsamen Protest an oder Fragen nach einer Unterschriftenliste. Tatsächlich fangen schon die ersten Hamsterkäufe an, denn einen großen Teil des Angebots wird es nach der Schließung in der Innenstadt gar nicht mehr geben. May und Beyme ärgern sich aber über Kunden, die schon jetzt nach Rabatt fragen.

 Sollten allerdings Firmen nach Arbeitskräften fragen, würde sich der Betriebsrat freuen. „Wir vermitteln Anfragen und Wünsche gerne weiter.“ Neben den 99 Fachverkäufern, Dekorateuren und Logistikmitarbeitern sind ja auch acht Restaurant-Mitarbeiter betroffen. Dazu kommen noch die Angestellten aus den kleinen Läden wie Eisdiele, Obstladen, Blumengeschäft…

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Neumünster
Foto: Karstadt am Großflecken in Neumünster wird nun doch nicht geschlossen.

Die Türen bleiben offen, Karstadt schließt nicht zum 30. Juni 2016. Der Konzern hat die Entscheidung zurückgenommen. Um 9 Uhr am Freitagmorgen überbrachte der Geschäftsführer der Karstadt Warenhaus GmbH, Dr. Stephan Fanderl, den rund 80 verbliebenen Mitarbeitern der Neumünsteraner Filiale die gute Nachricht persönlich. Die Sparkasse Südholstein kauft die Immobilie am Großflecken, und Karstadt hat sich entschieden, als Mieter zu bleiben.

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