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Selbsthilfekontaktstelle boomt

Beratungen auf 4000 gestiegen Selbsthilfekontaktstelle boomt

„Selbsthilfe ist die vierte Säule im Gesundheitssystem“, sagt Andrea Osbahr. Die Diplomsozialpädagogin weiß, wovon sie spricht: Auf 4000 Beratungskontakte schnellte die Zahl bei der Selbsthilfeberatungsstelle des Deutschen Roten Kreuzes in Neumünster im Jahr 2015 in die Höhe.

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Andrea Osbahr (rechts) und Doris Kruschke von der Zentralen Kontaktstelle für Selbsthilfe haben ihr Büro im DRK-Haus in der Schützenstraße 14.

Quelle: Sabine Nitschke

Neumünster. Sonst waren es etwa 1000 weniger gewesen. Aber zunehmender Zeitmangel in Arztpraxen für Gespräche und auch die zunehmende Bereitschaft, sich selbst aktiv mehr in die Behandlung einzubringen und den Erfahrungsaustausch mit Gleichgesinnten zu suchen, haben für einen kräftigen Anstieg gesorgt. Breit angelegt war die Fragen-Palette an Osbahr und ihre Kollegin, die Arzthelferin Doris Kruschke, schon immer. „Das reicht von: Wann tagt die Parkinson-Gruppe? bis zur geschockten Patientin, die soeben von ihrem Gebärmutterhalskrebs erfahren hat und nicht weiter weiß“, hat Osbahr in den vergangenen 13 Jahren erfahren.

 89 Selbsthilfegruppen gibt es in Neumünster. „Allein 27 davon tagen bei uns im Haus, kostenlos und mit Nutzung der Teeküche“, berichtet Andrea Osbahr. Und so unterschiedlich die Gruppen auch sind – Anonyme Alkoholiker, Krebs, Schmerzbehandlung –, ist ihnen allen eines gemeinsam: „Alles, was hier gesprochen wird, bleibt im Raum. Biographisches oder Partnerschaftsprobleme möchte man nicht verteilt wissen in der Stadt.“

 Im Übrigen ist nicht jeder Ratsuchende auch ein Fall für die Selbsthilfegruppe. „Einige outen sich von vornherein als Nicht-Gruppentyp, die brauchen eine spezifische Beratungsstelle. Und andere brauchen zunächst eine Behandlung, sonst belasten sie die Gruppe, die schließlich eine Selbsthilfe- und keine Therapiegruppe ist“, stellt Osbahr klar. „Wir zeigen Wege auf. Entscheiden, was für ihn in Frage kommt, muss der Patient selbst.“

 Und manchmal ist die nächste Gruppe zu weit weg oder aus anderen Gründen unerreichbar. Wie für den jungen Mann mit Morbus Sudeck. „Das ist etwas ganz Seltenes und Fieses, das aber jeden treffen kann. Das Nervensystem entgleist, es kommt zu Hammerschmerzen.“ Die nächste Gruppe ist in Hamburg. „Kam nicht in Frage. Denn Menschen, die jung chronisch erkranken, geraten schnell in Isolation und absolute Geldknappheit. Deshalb brauchen die einander ja auch so.“

 Mit Hilfe von Osbahr und öffentlichen Aufrufen kam innerhalb von drei Monaten diese „kleine, feine Gruppe“ von fünf Leuten zustande, deren erstes Treffen Andrea Osbahr moderierte. „Das mach ich bis zu dreimal, dann müssen sie es selbst hinkriegen.“ Zu den Spielregeln gehört auch, dass es keinen „Vorsitzenden“, sondern einen „Ansprechpartner“ gibt, denn alle Gruppenmitglieder sind gleichwertig.

 Bis auf den Suchtbereich ist Selbsthilfe eher frauenlastig, hat Osbahr erfahren. „Frauen sind eher bereit, sich auszutauschen. Neigen eher zu der Erkenntnis: So geht es nicht weiter, ich muss mir Hilfe holen.“ Aber egal, ob Gruppe oder Beratungsstelle mit therapeutischem Ansatz: „Dass man die Krankheit annimmt, ist wichtig für den Bewältigungsprozess.“ Für die Gruppen wird es auch in diesem Jahr wieder ein- bis zweitägige Fortbildungen geben; zum Beispiel Burnout-Prophylaxe.

 Für Osbahr, die die Gruppen auch bei der Beantragung finanzieller Mittel unterstützt, steht außer Frage, dass sie „eine wunderschöne Arbeit“ hat. „Zu mir kommen Menschen, die etwas ändern wollen. Es ist eine tolle Rückmeldung, wenn jemand seinen Weg gefunden hat“, findet sie und gewinnt ihrer Arbeit mit Selbsthilfe den Aspekt ab: „Ich lerne permanent von anderen Menschen dazu.“

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Ein Artikel von
Sabine Nitschke
Holsteiner Zeitung

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