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Erinnerungen aufpoliert

Siebtklässler verliehen Gedenksteinen neuen Glanz Erinnerungen aufpoliert

27 Stolpersteine gibt es in Neumünster, die ersten wurden vor zehn Jahren verlegt. Die kleinen Messingtafeln, auf denen die Namen der zur NS-Zeit zu Tode Gekommenen prangen, haben Patina angesetzt. 21 Schüler aus der Klasse 7a der Immanuel-Kant-Schule (IKS) unternahmen mit Stadtführerin Heide Winkler eine Rundtour, bei der ordentlich geputzt und gewienert wurde. Die Teenager erfuhren eine Menge über die Schicksale von jüdischen Mitbürgern, politisch Verfolgten oder willkürlich Denunzierten, Verhafteten und schließlich Ermordeten aus der Nachbarschaft.

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Sinja Hubert kniet vor dem Haus Großflecken 54. Hier ist der Stolperstein für Ludwig Tamm im Pflaster eingelassen. Der Vater von sechs Kindern wurde am 4. Januar 1939 verhaftet wegen Verstoßes gegen das Heimtückegesetz.

Quelle: Anja Rüstmann

Neumünster. Erinnerungen aufpolieren, den Gedenksteinen einen neuen Glanz verleihen – Gelegenheit gab es genug: Franz Müller wohnte in der Schützenstraße 12, heimlich hörte er seine geliebte Jazzmusik. „Er lehnte es ab, den Hitlergruß zu machen“, erzählte Heide Winkler. Im KZ Mauthausen bei Linz in Österreich starb er. Stadtvertreter Konrad Matzke, ein Sozialdemokrat und Gewerkschafter, verlor 1933 sein politisches Amt. Im Hof des Hauses Großflecken 39 betrieb er einen Textilhandel. Im Juli 1944 wurde er verhaftet, er starb mit tausenden anderen Häftlingen auf dem Schiff Cap Arcona in der Neustädter Bucht. Heinz Baronowitz war Jude und lebte mit seiner Familie in der Propstenstraße 3. „Sie gehörten zum Freundeskreis meiner Eltern“, erzählt Heide Winkler und erinnert sich noch an „Tante Lotte“. Charlotte Baronowitz verlor ihren Mann im März 1942, er starb im Arbeitslager Wewelsberg-Niedernhagen. Zweimal hatte man ihn vorher ins KZ Sachsenhausen deportiert. Tochter Dagmar und Sohn Peter überlebten, weil sie mit einem Kindertransport nach England geschickt wurden. Die Familie war zerbrochen.

 Eine Tube Metallpaste, Putzlappen und Stahlwolle hat Stadtführerin Heide Winkler in ihrem Korb mitgebracht, und eine Menge Unterlagen, Berichte, Zeitungsausschnitte. Die Kant-Schüler wechselten sich beim Polieren der einzelnen Steine ab – 19 Stück standen auf dem Programm des Rundgangs. Was ein Stolperstein ist, wussten sie. Aber nicht, was für Schicksale dahinterstecken. Aufgefallen waren die Messingplättchen ihnen vorher nicht. Während an der Schule das mündliche Abitur stattfand, knieten die jungen Schüler in der Innenstadt an den Gedenksteinen. Heide Winkler lobte die Putzarbeit. Eigentlich hatte sie gedacht, mit Oberstufenschülern den Rundgang zu machen. Bei den Siebtklässlern steht zwar Geschichte mit Heimatbezug auf dem Stundenplan, die NS-Zeit aber erst im nächsten Schuljahr.

 Die Aktion Stolpersteine geht auf eine Initiative des Kölner Künstlers Gunter Demnig zurück, der das Konzept entwickelte, einzelne Opfer des Dritten Reiches durch die Verlegung von Gedenksteinen vor ihren Wohn- und Wirkungsstätten zu ehren. Ihre Schicksale sollen der Nachwelt im öffentlichen Raum als Mahnung sichtbar werden. „Jeder, der eine Inschrift eines Stolpersteines liest, macht eine Verbeugung vor dem Opfer“, sagte Demnig einmal. In Neumünster gibt es zurzeit 27 Stolpersteine, auf dem Großflecken, in der Plöner Straße, in der Propsten- und Schützenstraße, in der Kieler Straße und am Schleusberg bis hin zur Carlstraße. Im Herbst sollen zwei hinzukommen: Vor dem Haus Kuhberg 27, wo die Juden Gustav und Edith Weißbaum gelebt haben. Wer eine Patenschaft für einen Stolperstein übernimmt, zahlt 120 Euro an den Künstler, der den Stein und die Messingplatte mit Namen, Jahrgang, Todesdatum und Todesort herstellt.

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