14 ° / 9 ° Regen

Navigation:
Absturz und Wiedergeburt des Ikarus

Übermaltes Wandgemälde Absturz und Wiedergeburt des Ikarus

Mehr als fünf Jahre stürzte Ikarus im Verborgenen ab. Das imposante Wandgemälde des Künstlers Hilmar Friedrich in der Holstenschule war im März 2011 von einem Malereifachbetrieb weiß überpinselt worden. Ein Versehen offensichtlich. Friedrich war erschüttert. Jetzt endlich wird das Bild wieder freigelegt.

Voriger Artikel
Im Tierpark tobt der Nachwuchs
Nächster Artikel
SWN lockern Abkochempfehlung

Hilmar Friedrich sitzt auf dem Gerüst vor seinem Wandgemälde „Abstürzender Ikarus“, das langsam freigelegt wird.

Quelle: Anja Rüstmann

Neumünster. Im Treppenhaus des Physik- und Chemiegebäudes der Holstenschule an der Altonaer Straße steht ein Gerüst. Hilmar Friedrich (77), der 38 Jahre als Kunstlehrer an der Schule gearbeitet hat, sitzt in ein paar Metern Höhe. Eine Restaurationsfirma aus Paderborn legt hier seit zwei Wochen in mühvoller Kleinstarbeit das Tempera-Gemälde wieder frei, kratzt mit scharfem Skalpell die weiße Farbe ab. Zum Vorschein kommt ganz langsam wieder der „Abstürzende Ikarus“, so der Titel des Gemäldes. Doch das Bild hat gelitten. Hilmar Friedrich muss nacharbeiten und neu malen. Das tut er gerne – und unentgeltlich. Die Freude, dass sein Ikarus wiedergeboren wird, ist groß.

 Was da genau im Frühjahr 2011 mit der weißen Farbe passiert ist, liegt im Dunkeln. Die Maler sollten das Treppenhaus renovieren. Ikarus wurde überpinselt. „Ein Schuldiger ist aber nicht gefunden worden“, sagt Friedrich, der damals von einem Freund über diesen Kunstfrevel informiert wurde. Da war er bereits im Ruhestand. Aber aufgeregt hat er sich natürlich trotzdem. Denn irgendjemand muss ja die Anweisung gegeben haben, auch diese acht Quadratmeter zu weißen ...

 1976 hatte Friedrich von der Stadt den Auftrag bekommen, das Wandgemälde in Sekkotechnik zu schaffen. 6000 Mark gab es für die Kunst am Bau. Als Ikarus dann den Renovierungsarbeiten zum Opfer fiel, wollte die Stadt die 5500 Euro für die Freilegung des Kunstwerkes nicht übernehmen. Inzwischen sieht die finanzielle Situation anders aus. Die Volksbank, das Designer Outlet Center (DOC) und die Firma Danfoss spendeten insgesamt 3500 Euro. „Aus welchen städtischen Töpfen der Rest kommt, ist mir egal“, sagt Friedrich. Aber er kommt.

 Das Paderborner Restauratorenteam war dem Künstler aufgefallen, als es in der katholischen St. Maria-St. Vicelin-Kirche Wand- und Deckenmalereien freilegte. „Die haben Hervorragendes geleistet“, sagt er. Und das sollen sie jetzt auch im Eingangsbereich des Physik- und Chemietraktes der Holstenschule. Die Wand wird angefeuchtet, das macht die Arbeit leichter. Aber nicht weniger mühsam: Millimeterweise kommt der multiple Ikarus zum Vorschein, der der Sage nach mit seinen Flügeln aus Wachs der Sonne zu nah kam und abstürzte. Das Motiv wählte Friedrich für den naturwissenschaftlichen Schultrakt, um auf den Erfindungsreichtum der Menschen und die Gefahren, die daraus entstehen können, hinzuweisen.

 Einige Flügel und ein Kopf sind schon gut wieder zu erkennen. Offensichtlich dauert die Restauration länger als gedacht. Zwischendurch legt Friedrich neue Farbe auf und komplettiert Stellen, die verloren gegangen sind. „Etwas Schrundiges wird aber erhalten bleiben“, erklärt er. „Es wird am Ende nicht perfekt neu aussehen.“ Schließlich hat das Werk schon eine 40-jährige Geschichte. Aber er ist sich sicher: „Das wird schöner als vorher.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Anja Rüstmann
Holsteiner Zeitung

Mehr aus Nachrichten aus Neumünster 2/3