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Ein Kampf um Leben und Tod

Flüchtlingsrettung Ein Kampf um Leben und Tod

Björn Hagge ist aus dem Mittelmeer zurück. Dort hat der 46-jährige Rettungsassistent im Rahmen des Projekts „Sea Watch“ vor der Küste Libyens Bootsflüchtlinge geborgen.

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„Je länger über Flüchtlingspolitik geredet wird, desto mehr sterben": Björn Hagge ist von einem Rettungseinsatz aus dem Mittelmeer zurück.

Quelle: Orly Röhlk

Behrensdorf. Die Anspannung steht dem Behrensdorfer, der für den Einsatz eigens Urlaub genommen hatte, noch deutlich ins Gesicht geschrieben. Wie viele Leichen er in wenigen Tagen gesehen hat, vermag er nicht zu schätzen. Und er will es auch nicht. „Man konzentriert sich auf die Arbeit, man funktioniert und zieht die Leute raus“, sagt er schlicht. Mit ruhiger Stimme schildert Hagge das Erlebte, ohne zu sehr ins Detail zu gehen. Darüber wird der dreifache Vater mit einem Freund sprechen, um es zu verarbeiten, und mit Ehefrau Tanja. Immer im Bewusstsein, dass er aufpassen muss, nicht zu viel der belastenden Erlebnisse mit nach Hause zu nehmen, um seine Familie zu schützen.

 Dabei bringt Hagge nichts so schnell aus der Ruhe. Er engagiert sich in der Feuerwehr und bei ISAR-Germany (International Search And Rescue), einer Organisation für weltweite Katastrophenfälle, gehört zur Mannschaft des Seenotrettungsbootes „Hellmut Manthey“, war als Marineflieger 1999 im Kosovo und 2004 nach dem Tsunami in Indonesien. Seine Auslandserfahrungen sind nützlich für den Mann, der beim Kreis Plön arbeitet und in der Wache Preetz stationiert ist. In Deutschland sei das Rettungswesen gut organisiert. „Im Notfall kann ich und muss ich alles machen, aber das ist hier bisher ganz selten passiert.“

 Anders im Mittelmeer. Die zehnköpfige Crew des umgebauten Schiffs „Sea Watch“, das ein Unternehmer finanziert, unterstützte dort die Rettungsaktionen für Bootsflüchtlinge aus Afrika. Rund 100 Menschen aus Brandenburg und Hamburg tragen das private Projekt und gleichnamige Schiff, das von Lampedusa (Italien) aus in See stach – mit 500 Rettungswesten an Bord.

 Wie die „Sea Watch“ alarmiert das Maritime Rescue Coordination Center (MRCC) in Rom diesmal zeitgleich die Ärzte ohne Grenzen mit ihren Schiffen „Bourbon Argos“ und „Phoenix II“. Sie alle fahren den Flüchtlingsbooten entgegen und dürfen erst eingreifen, wenn die Afrikaner die 24 Meilen-Zone vor der libyschen Küste verlassen und internationales Gewässer erreicht haben.

 Die Anspannung wächst an diesem Abend: Es ist Nacht und die Gefahr groß, im Dunklen ein Schlauchboot zu überfahren. Aus Angst, von den Libyern erwischt zu werden, machen sich die Flüchtlinge nicht bemerkbar. Für viele von ihnen kommt die Hilfe zu spät. „Als es hell wurde, habe ich nur kaputte Boote gesehen. Es ist ein Kampf auf Leben und Tod, sie können alle nicht schwimmen.“ Die Flüchtlinge kentern mit ihren Schlauchbooten oder wollen mit Fischerschiffen aus Holz über das Meer. Sie sind unter Deck ohne Licht und Wasser eingepfercht. In Panik, weiß Hagge, zertreten sie dort die Planken. Die auf dem Oberdeck haben bessere Chancen.

 Schleuser ließen sich gut bezahlen für die Passage in ein vermeintlich besseres Leben, rüsteten die Menschen mit Kompassattrappen aus und schickten sie in den fast sicheren Tod, erzählt Hagge. Die Aufgabe der Sea-Watch-Crew besteht darin, Kontakt zu den Menschen aufzunehmen, Schwimmwesten und Trinkwasser zu verteilen. Die Retter binden sich an Bord fest und ziehen die Menschen aus dem Meer. Die italienische Küstenwache fährt die Geretteten schließlich an Land, oder sie werden von Frachtern aufgenommen.

 Schon eine Bugwelle reicht aus, um ein Flüchtlingsboot zum Kentern zu bringen. So wie am 6. August, als Hagge vor Ort miterlebte, wie ein mit etwa 700 Menschen besetztes Schiff kenterte. Man habe 170 von ihnen retten können. Insgesamt wurden nach Schätzung des Rettungsassistenten in vier Tagen über 1000 Flüchtlinge in Sicherheit gebracht. Rettungsinseln, die man wie Schwimmwesten auch an Bord habe, kamen nicht zum Einsatz. „Das dauert zu lange, und in Panik würden sich die Flüchtlinge alle gegenseitig erdrücken.“

 Nach Meinung Hagges werde die Region Lampedusa allein gelassen. Dort kommen täglich zwischen 200 und 400 Flüchtlinge an. „Vor den Italienern ziehe ich den Hut, sie helfen, wo sie können“, sagt er. Von Ausländerfeindlichkeit sei dort nichts zu spüren. „Es macht mich sauer zu sehen, über welche Kleinigkeiten und banalen Dinge sich die Leute hier in Deutschland aufregen und mich fragen, warum ich mir das antue und dort hinfahre, um in meiner Freizeit Flüchtlinge zu retten.“ Und es gibt noch etwas, das ihn nach eigenen Worten richtig frustriert. Die Bundeswehr, die mit Booten in Palermo stationiert ist, dürfe die Flüchtlinge erst an Land in Empfang nehmen. Das sei eine politische Entscheidung, die die Besatzung zu akzeptieren habe. Hagge: „Die Drecksarbeit machen die anderen. Es wird viel zu viel geredet über Flüchtlingspolitik. Je länger geredet wird, desto mehr sterben.“

 Wegen eines Maschinenschadens musste Sea Watch die Mission vorzeitig abbrechen, aber Hagge geht davon aus, dass er erneut dabei sein wird. Von der Landcrew, die in Italien zurückblieb, erfuhr er, dass nach seiner Abreise weitere 400 Menschen ertrunken sind.

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