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So kam die Currywurst nach Lütjenburg

Garnisonsstadt So kam die Currywurst nach Lütjenburg

Ohne die Bundeswehr wäre Lütjenburg heute kaum mehr als ein Dorf mit Stadtrechten. In ihrer Doktorarbeit beschreibt Dr. Maren Mecke-Matthiesen, wie sich die Stadt als Garnison veränderte. Dank der Bundeswehr gibt es das Gymnasium, die Bürgermeisterkette und die Currywurst in Lütjenburg.

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Dr. Maren Mecke-Matthiesen untersuchte in ihrer Doktorarbeit, wie die Bundeswehr das Leben in Lütjenburg beeinflusst hat. Unterstützung bekam sie für ihr Werk von den Mitgliedern des Arbeitskreises Stadtarchiv (von links) Wolfgang Kiel, Hartmut Tretow, Jutta Tretow und Bürgermeister Dirk Sohn.

Quelle: Hans-Jürgen Schekahn

Lütjenburg. Der Einzug der Soldaten am 12. Mai 1962 auf dem Lütjenburger Marktplatz war keineswegs nur von Jubelrufen begleitet. Mecke-Matthiesen: „Die Menschen hatten damals etwas gegen Veränderungen. Es gab nicht nur Beifall-Klatscher.“ Nur einen Tag vorher stifteten die Gewerbetreibenden dem Bürgermeister eine Amtskette in dem Geiste, das Lütjenburg eine Handwerker- und Gewerbestadt bleiben möge. Eine höfliche Duftmarke, um in der neuen Bundeswehr-Zeit nicht in Vergessenheit zu geraten.

 Doch Lütjenburg erlebte durch die Bundeswehr in den 60er- und 70er-Jahren einen wirtschaftlichen Aufschwung, eine Modernisierung auf vielen Gebieten, wie Mecke-Matthiesen herausfand. Das Stadtgebiet verdoppelte sich durch die rund 1000 neuen Bürger. Neue Baugebiete kamen hinzu, die wegen des damaligen Verteidigungsministers „Straußen-Siedlungen“ hießen. Der TSV Lütjenburg bot neue Sparten wie Frauenfußball, Tischtennis oder Badminton an. Auf einmal ließen sich Fachärzte nieder. Und die jungen Rekruten hatten Appetit auf Currywurst, deren erste Exemplare in Lütjenburg im Alten Grenadier oder in der Hummel aufgetischt worden sein sollen. Das Gymnasium in Lütjenburg entstand. „Es waren einfach Menschen in die Stadt gekommen, die das verlangten.“

 Auch der Fremdenverkehr profitierte davon, dass junge Wehrpflichtige aus ganz Deutschland nach Lütjenburg kamen und die Ostseeküste lieben lernten. Glücklich waren die meisten am Anfang zunächst nicht. Mecke-Matthiesen zitiert einen ehemaligen Soldaten mit den Worten: „Das Schönste an Lütjenburg ist im Sommer Hohwacht und im Winter der Bus nach Kiel.“

 Die Volkskundlerin aus Schwartbuck forschte auch nach sozialen Entwicklungen. Sie fand heraus, dass die Offiziere ihre Kinder bevorzugt in den evangelischen Kindergarten schickten, die Söhne und Töchter der einfacheren Dienstgrade fanden sich vor allem im städtischen Kindergarten wieder. Ebenso die Ansiedlungen. Die Offiziere zog es vornehmlich in den Finkenrehm, die übrigen in den Schlesienweg oder Wentorfer Weg. Die soziale Schichtung in der Stadt spiegelte sich in der Gästeliste zum Standort-Ball wider. Nur wer es in Lütjenburg zu Ansehen und Titel gebracht hatte, schaffte es auf das Parkett.

 Mecke-Matthiesen spannt den Bogen bis in die Gegenwart. Den kleinen wirtschaftlichen Boom, den Lütjenburg durch das neue Gewerbegebiet auf dem ehemaligen Kasernengelände erlebe, sei nur möglich, weil die Bundeswehr eben einst die Stadt prägte. Ohne Kaserne kein neues Gewerbe an dieser Stelle. Sie erinnert an die Horrorszenarien, die nach der Schließung 2012 durch die Stadt geisterten. Ihr Urteil: Lütjenburg habe sich durch die Konversion zum Teil neu erfunden. „Und die Lichter sind immer noch an.“

 Die Wissenschaftlerin, Jahrgang 1949, kam erst vor sieben Jahren an die Kieler Universität. Die gelernte Kindergärtnerin und Diplom-Sozialpädagogin arbeitete davor in der Kreisverwaltung in Plön.

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Hans-Jürgen Schekahn
Ostholsteiner Zeitung

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