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Neustart mit süßen Träumen

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Für Karl Heinz Lage und seine Frau Gesine war es ein weiter Weg: Von Herford bis Bendfeld. Vom Schriftsetzer bis zum Tortenbäcker im eigenen Café in der Probstei. Doch heute finden beide: Es hat sich gelohnt.

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Karl Heinz Lage hat sich einen Traum wahr gemacht.

Quelle: Sonja Paar

Bendfeld. Rund 15 Jahre ist es her, als zwei Frauen in einer fast mystischen Begegnung mit einer simplen wie tiefsinnigen Frage dem Lebensplan des Ehepaars in Nordrhein-Westfalen eine völlig neue Richtung wies. Da saßen die Lages nun damals in ihrem Haus in Herford, in dem sie manchmal Menschen auf der Durchreise für die Nacht ein Dach über dem Kopf boten. Diesmal hatten sie zwei junge Frauen Mitte 20 zu Gast, die per Rad von Wien nach Holland unterwegs waren. Dabei sammelten sie, wie sie den verdutzten Gastgebern erzählten, nicht nur Reiseeindrücke, sondern auch Träume von Menschen, die ihnen bei der Reise begegneten. Und so schrieben die beiden Traumsammlerinnen auf, was schon geraume Zeit als vager Wunsch weit hinten in den Köpfen des Ehepaares schlummerte: Der Traum vom eigenen Café im Elternhaus von Karl-Heinz Lage in Bendfeld.

Doch bis es so weit war, sollte es noch dauern. Erst als vor etwa fünf Jahren die Förderschullehrerin Gesine Lage in Pension ging, ihre Schwiegermutter in Bendfeld pflegebedürftig wurde und Karl-Heinz Lage in seinem Job als Schriftsetzer in einer Druckerei in Bielefeld keine rechte Befriedigung mehr fand, schien die Zeit reif zu sein für einen Neubeginn. Doch Umbau und Umwidmung des Elternhauses zu einem Wohn- und Geschäftshaus dauerten noch weitere zwei Jahre.

Als dann das Haus mit dem integrierten Café „De Schooster“ endlich fertig war, kamen statt euphorischer Gefühle erst einmal massive Zweifel auf – inklusive eines körperlichen wie seelischen Zusammenbruchs von Gesine Lage. „Wir hatten doch alles aufgegeben in unserer alten Heimat in Nordrhein-Westfalen: Freunde, Eigentumswohnung, soziale Kontakte. Und wir wussten nach unzähligen schlaflosen Nächten immer noch nicht, ob unsere Kostenkalkulation auch wirklich aufgeht.“ Jetzt, nach drei Jahren Café-Betrieb, sagt Karl-Heinz Lage mit Stolz in der Stimme: „Wir haben unseren Traum wahr gemacht, es ist alles gut gegangen. Ich würde es wieder so machen.“

Allerdings: Wohlstand bringt ihnen der Verkauf von Torte und Kaffee nicht ein. Nach Abzug von Zahlungen für Renten- und Krankenversicherung, Steuern oder Kosten für Zutaten bleibe zwar noch ein „bisschen was hängen“. Aber nur von den Einnahmen des von freitags bis sonntags geöffneten Cafés leben könnte das Paar nach wie vor nicht. Zufrieden mit dem Erreichten sind sie trotzdem. Und das hat mit dem ungewöhnlichen Konzept ihres Cafés zu tun, das immer mehr Gäste anlockt. Und ihnen regelmäßig Lobeshymnen über die autodidaktisch erworbenen Fähigkeiten des Tortenbäckers entlockt, der auch noch ein hintersinniger Kuchenlyriker ist.

Die Eigenkreation „Beerenglück mit Eierlikör“ beschreibt der 57-Jährige in der ebenfalls selbst gestalteten Kuchenkarte zum Beispiel so: „Trunken liegen die schwarzen Johannisbeeren in einem Eierlikör-Sahnepudding. Der helle Dinkelbisquit ist zugleich Matratze und Decke und lässt die Beeren süß schlummern. Über allem liegt ein Duft von Cassis...“ Bauernschlaue Weisheiten mit Schmunzeleffekt enthalten die Karten ebenfalls, etwa „Das Wort“ zur Eröffnung der Probsteier Korntage: „Hat der Bauer seine Tage, hilft ein Korn, gar keine Frage.“

Doch Poesie, Kaffee und Torte (Stück 2,70 Euro) nach Landfrauenart allein sind es nicht, was die Gäste auch ohne Werbung zunehmend anlockt. Wenn sie sich in der ehemaligen Schusterstube (daher der Name De Schooster) mit nur 16 Plätzen den süßen Verführungen hingeben, bekommen sie oft noch Nahrhaftes für die Seele gratis dazu: spannende Geschichten. Denn an den drei Tischen der Stube oder bei schönem Wetter auch auf der kleinen Terrasse kommen Tortenesser zwangsläufig ins Gespräch.

Wenn es dann richtig munter zugeht, hält es Karl-Heinz Lage nicht länger in der Küche. Er setzt sich dazu, schnackt dann auch mal op Platt – und vergisst dabei gern mal die Zeit. In diesen Momenten sind Karl-Heinz und Gesine Lage glücklich. Weil es ihre Gäste ebenfalls sind. Und weil sie dann den unbezahlbaren Wert solcher Momente spüren, die beide so oft in ihrem alten Leben vermissten.

„In den Betrieben ist ein neues Altersbild erforderlich“

Weil es das Modell des lebenslangen Arbeitsplatzes kaum noch gibt, orientieren sich manche in ihrer Lebensmitte um. „Das Risiko arbeitslos zu werden, ist zwar für die Altersgruppe über 50 geringer geworden, da die Betriebe insbesondere ältere Fachkräfte halten“, sagt Margit Haupt-Koopmann, Chefin der Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit. „Allerdings haben Beschäftigte über 50, die ihre Arbeit verloren haben, deutlich schlechtere Chancen als jüngere Arbeitslose, eine neue Stelle zu finden.“

Im Juli waren in Schleswig-Holstein 30900 Menschen über 50 Jahre arbeitslos. Während die Arbeitslosigkeit in dieser Altersgruppe nur um 1,0 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen ist, ist sie allgemein um 4,2 Prozent gesunken. Besonders viele Einstellungen erfolgten in den Branchen Produktion, Reinigung, Gartenbau sowie Handel und Verkauf.

In den Betrieben sei ein neues Altersbild erforderlich, so Haupt-Koopmann. Faktoren wie Lebenserfahrung, Praxiswissen, Engagement und Loyalität müssten neu gewichtet werden. Zudem sollten Personalabteilungen ihre Vorurteile über Ältere und deren Leistungsfähigkeit ablegen. „Denn die Gewissheit, dass das berufliche Erfahrungswissen der Älteren schon aus demografischen Gründen für unsere Volkswirtschaft unverzichtbar ist, erfordert eine ‚neue Personalpolitik‘, die nicht an Defiziten, sondern an Ressourcen orientiert ist“, sagt Haupt-Koopmann.

„Die Vorteile für den Arbeitgeber liegen in der Loyalität, der Lebens- und Berufserfahrung, der Zuverlässigkeit, und Eigenständigkeit der Älteren“, sagt Anna Mergner von 50plus KERNig. Auf Initiative der Jobcenter Kiel, Neumünster und Kreis Rendsburg-Eckernförde werden dort zurzeit rund 2600 Arbeitsuchende über 50 Jahre beraten. Zudem zeigen die Zahlen, dass sich die Älteren auf neue Herausforderungen am Arbeitsmarkt einstellen. Seit Jahresbeginn waren bundesweit 14329 Menschen, die eine berufliche Weiterbildung begonnen haben, über 50 Jahre alt. In Schleswig-Holstein nutzten laut Arbeitsagentur im Juli insgesamt 585 der Über-50-Jährigen ein berufliches Weiterbildungsangebot, bei 279 wird derzeit eine Existenzgründung gefördert.

Von Jürgen Küppers und Anne Holbach

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Ein Artikel von
Jürgen Küppers
Lokalredaktion Kiel/SH

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