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Mit Arbeit in ein neues Leben

Langzeit-Praktikum Mit Arbeit in ein neues Leben

Gishyan Hovik (36) hat das, wovon Flüchtlinge träumen. Der Armenier hat Arbeit. Ein Langzeit-Praktikum beim Bauhof der Stadt Lütjenburg vermittelt ihm zumindest das Gefühl. Bürgermeister Dirk Sohn sieht darin ein Modell für alle Bauhöfe im Kreis Plön. Flüchtlinge könnten davon profitieren.

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Gishyan Hovik freut sich, ein Langzeit-Praktikum im Lütjenburger Bauhof machen zu dürfen. Bürgermeister Dirk Sohn (Mitte) und Kollege Rüdiger Gärtner loben den Armenier für seine Freundlichkeit und sein Geschick.

Quelle: Hans-Jürgen Schekahn

Lütjenburg. Etwas mehr als 1 Euro zahlt ihm der Bauhof für seine Arbeit pro Stunde. Der studierte Agraringenieur Hovik ist dennoch zufrieden damit. Er bekommt ja bereits Miete und Taschengeld für sich, seine Frau und seine beiden Kinder. „Man muss auch etwas geben und darf nicht nur vom Staat nehmen“, sagt er mehrmals. So mäht er Rasen, schneidet Hecken, zupft Unkraut heraus. Über die Flüchtlingshilfe in Lütjenburg kam er zum Bauhof. Dort machte man sich Sorgen um Hovik, weil er enorm darunter litt, nicht arbeiten zu dürfen. Der Zufall half ein wenig. Bürgermeister Sohn und andere hatten privat nämlich einen Motorsägenkursus besucht und gleichzeitig die Gebühren für mehrere Flüchtlinge gesponsert. Dabei lernte er zufällig Hovik kennen, ohne dass der ahnte, dass er es mit dem Bürgermeister der Stadt zu tun hatte. Als später die Anfrage der Flüchtlingshilfe eintraf, wusste Sohn, dass es sich um einen geschickten und freundlichen Menschen handelte. Es folgte die Zusage zum Praktikum. Nach zehn Wochen kann Sohn sagen: Der junge Armenier gehört zum Bauhof einfach dazu. Gut eingelebt im zehnköpfigen Kollegenkreis. Gelobt für seine selbstständige Arbeitsweise.

 Bürgermeister Sohn wünscht sich, dass auch andere Kommunen, ihren Flüchtlingen ein Praktikum in den Bauhöfen anbieten. Eine Beschäftigung helfe gegen die psychischen Belastungen der Menschen, die durch das Nichstun in den Unterkünften entstehen. Man könne ihnen so effektiv helfen. Aus Sicht von Sohn ist Hovik so gut in seiner Arbeit, dass er ihn am liebsten fest anstellen möchte. Doch dagegen steht im Augenblick noch der Stellenplan der Stadt Lütjenburg.

 Die armenische Flüchtlingsfamilie kam vor einem Jahr nach Deutschland. Aus politischen Gründen habe er seine Heimat verlassen. Mehr mochte er dazu nicht sagen. Seine Mutter und zwei Brüder leben noch in Armenien. Sieben Tage dauerte die Flucht, die von Schleusern organisiert war. Mal zu Fuß, mal mit dem Auto.

 In Lütjenburg ist er zufrieden. Die Wohnung ist gut, die Nachbarn sehr nett, deutsche Freunde hilfreich. Der 36-Jährige und seine Familie wollen zur Gemeinschaft in der Kleinstadt gehören. Regelmäßig spendet er Blut, trägt stolz eine Uhr des DRK am Handgelenk, die es bei der letzten Spende für jeden als Geschenk gab. Seit wenigen Wochen gehört er der freiwilligen Feuerwehr Lütjenburg an. Seinen dreieinhalbjährigen Sohn Hamlet und seine vier Monate alte Tochter Maria, die schon in Deutschland geboren ist, ließ er vor Kurzem in der Michaelis-Kirche taufen. Seine Augen leuchten, wenn er davon erzählt. Armenischer, christlicher Vaterstolz.

 Das Asylverfahren für die Familie läuft noch. Keiner weiß, wie lange es noch dauert, bis er zum Gespräch nach Neumünster geladen wird. Hovik hat allerdings gute Aussichten, bleiben zu dürfen. Rund 75 Prozent der Flüchtlinge aus Armenien erkennt Deutschland an. Hovik weiß um die Flüchtlingsströme, die derzeit nach Europa fließen. Die Bilder dazu mag er sich aber im Fernsehen nicht anschauen. Er kann die Szenen mit den leidenden, verzweifelten Menschen nicht sehen. Er weiß nur zu gut, was Flucht bedeutet.

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Ein Artikel von
Hans-Jürgen Schekahn
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