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Lütjenburg Warten auf die Zukunft

„So much walking.“ Die kleine Oudsia Fasli (10) stöhnt beim Gedanken an ihre Flucht aus Afghanistan bis nach Deutschland. Sie und ihre Familie mussten viel zu Fuß gehen, bis sie über die Türkei und die Balkanroute am Ziel waren. Die Faslis gehörten zu den ersten Menschen, die kurz vor Weihnachten in die neue Erstaufnahmeeinrichtung in der Lütjenburger Kaserne gezogen sind.

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Die Familie Fasli gehörte zu den ersten Flüchtlingen, die die Unterkunft in der früheren Lütjenburger Kaserne bezogen. Die Vier danken danken ausdrücklich den Deutschen, dass sie hier aufgenommen wurden.

Quelle: Hans-Jürgen Schekahn

Lütjenburg. Auf dem ehemaligen Bundeswehrgelände am Stadtrand leben derzeit knapp 500 Flüchtlinge. Familienvater Mirwais Fasli (41) ist in seiner Heimat ein einigermaßen bekannter Mann. Er spricht eine Rolle in der in Afghanistan beliebten BBC-Radioserie „New Home, New Life“. Seine Frau Rabia (35) arbeitet als studierte Juristin für die Regierung.

 Doch sie lernen, das Leben in Kabul zu fürchten. Regelmäßig gibt es Bombenanschläge auf Autos. Mirwais Fasli erhält Drohungen, weil er für die Isaf (militärische Sicherheitsmission unter Führung der Nato) und die Amerikaner dolmetscht. Sie entschließen sich zur Flucht. Vor allem wegen ihrer drei Kinder, die in Sicherheit groß werden sollen, erklärt das Ehepaar.

 Von der Türkei aus gelangt die Familie mit einem Schlauchboot nach Griechenland. Dann über den Balkan bis nach Österreich. Vier Wochen sind sie unterwegs. Es ist mitten in der Nacht, als sie die deutsche Grenze überqueren und später in München registriert werden. Immer wieder bedanken sie sich, dass die Deutschen ihnen Schutz gewähren, Essen zur Verfügung stellen, Räume zum Schlafen. „Alles gut“, sagt Mirwais Fasli auf Deutsch über das Leben in der Lütjenburger Kaserne. Neben „Danke“ gehört das zu seinen ersten Wörtern, die er in der fremden Sprache aussprechen kann. Eine Einschränkung macht er allerdings. Er und seine Frau sind es gewohnt, jeden Tag zu arbeiten. Die Langeweile in der Unterkunft sieht er als großes Problem. Da hilft es auch kaum, dass die Faslis wegen ihres guten Englisch ab und zu als Dolmetscher eingesetzt werden.

 Tochter Oudsia verschafft sich auf ihre Weise Ablenkung. Sie hat ein besonderes Talent für Sprachen und lernt schon intensiv Deutsch – auf Youtube und mit dem Google-Übersetzer. Die Zehnjährige zählt stolz all die Wörter auf, die sie schon kann. „Apfel, Kartoffel, Danke, Guten Tag...“ Sie möchte möglichst schnell wieder in die Schule gehen und später einmal studieren. Sie hat sich schon auf einen Beruf festgelegt: Chirurgin. Aber eine besonders gute, wie sie betont. Bruder Mirsultan (17) teilt den Bildungshunger seiner Schwester. Jura oder Medizin sind seine Studienwünsche, erklärt er auf Englisch. So ganz kann er sich noch nicht entscheiden. In Afghanistan wollte er einmal Autohändler werden.

 Die Faslis sind zufrieden mit ihren Zimmern, in denen kaum mehr als die Betten Platz finden. Als Familie sind sie beisammen und sicher. Das ist ihnen wichtig. Tochter Oudsia spricht aus, was ihre Eltern wohl nur denken. Sie möchte ein eigenes Zuhause haben und nicht mehr zusammen mit so vielen Menschen in der Unterkunft leben. Und auch endlich einmal wieder ein richtiges afghanisches Essen zu Mittag würde ihr gefallen. Ihr Wunsch dürfte in einigen Wochen in Erfüllung gehen, wenn die Faslis Lütjenburg wieder verlassen und einer Gemeinde in Schleswig-Holstein zugewiesen werden. Dann führen sie wieder einen eigenen Haushalt.

 Die Brüder Ibrahim (23) und Mahamed Hassan (25) flüchten vor dem Bürgerkrieg in Somalia. Über Äthiopien und den Sudan gelangen sie nach Libyen. Drei Tage lang fahren sie zusammen mit 200 weiteren Flüchtlingen auf einem kleinen Boot über das Mittelmeer bis nach Italien. Die Zukunft in Deutschland sehen sie für sich in einem bescheidenen Rahmen. Mahamed war in Mogadischu Automechaniker und hofft, in dieser Branche wieder arbeiten zu können. Sein Bruder denkt daran, als Lkw-Fahrer sein Geld zu verdienen.

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Hans-Jürgen Schekahn
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