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Landwirt soll dauerhaft in Psychiatrie

Nach Amokfahrt Landwirt soll dauerhaft in Psychiatrie

Er sah sich als Opfer und lag schon jahrelang mit den Behörden im Clinch. Dann setzte er seinen Traktor als Waffe ein - wegen Ohrmarken für seine Kühe. Jetzt gab es das Urteil.

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Eines der schwer beschädigten Polizeiautos.

Quelle: Dirk Schneider (Archiv)

Kiel/Ascheberg. Zu Beginn und zum Ende des Sicherungsverfahrens dasselbe Bild: Der 53 Jahre alte Biolandwirt wird an Händen und Füßen gefesselt in den Gerichtssaal gebracht und auch wieder herausgeführt. Sinnbild für die Gefährlichkeit des Beschuldigten, der am 4. Mai 2016 bei einer Amokfahrt mit einem Traktor in Schleswig-Holstein mehrere Polizeiautos und einen Tierarztwagen zerstörte.

Am Dienstag ordnete das Landgericht Kiel die dauerhafte Unterbringung des Mannes in einer geschlossenen Psychiatrie an. Seinen Angriff wertete das Gericht - anders als der Staatsanwalt - nicht als Tötungsabsicht. Es stellte unter anderem gefährliche Eingriffe in den Straßenverkehr, gefährliche Körperverletzung sowie Sachbeschädigung fest.

„Seine Gewalt und Aggression reichen aus, um die Unterbringung anzuordnen“, sagte der Vorsitzende Richter Jörg Brommann. „Der Beschuldigte hat Verbrechen begangen, schwere, aggressive Angriffe.“

Auch ein privater Pkw wurde mit dem Trecker gerammt.

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Die Opferrolle, in der der 53-Jährige sich selbst sehe, glaubte das Gericht nicht. Die Richter halten ihn aufgrund seines Wahnsystems für „völlig unkorrigierbar“. Seine Fähigkeit, sein Unrecht einzusehen, sei aufgehoben. Auch seine Behauptung, er habe bei seiner Amokfahrt Angst gehabt und seine Tiere verteidigen wollen, sei unglaubwürdig. „Er hat Jagd gemacht auf Polizeifahrzeuge, das hat nichts mit Angst oder Panik zu tun, das ist schlichte Aggression.“ Angesichts der erheblichen rechtswidrigen Taten geht das Gericht davon aus, dass auch zukünftig von dem Biobauern eine Gefahr ausgeht.

Für die Urteilsbegründung am achten Verhandlungstag nahm sich der Vorsitzende Richter mehr als zwei Stunden Zeit. Er schilderte detailliert die dramatischen Szenen auf dem Bauernhof in Ascheberg im Kreis Plön. Innerhalb kurzer Zeit zerstörte der Landwirt mit seinem Traktor mehrere Polizeifahrzeuge und den Wagen eines Tierarztes. Mehrere Beamte wurden bei der Amokfahrt und der anschließenden Festnahme verletzt. Erst Schüsse auf die Reifen des Traktors konnten ihn stoppen. Der Vorsitzende Richter schilderte, wie der Beschuldigte sich gegen seine Festnahme wehrte und er mit Handschellen und Kabelbindern an den Füßen ruhig gestellt werden musste. Dies hielt ihn nicht davon ab, die Beamten weiter übel zu beschimpfen.

Der Landwirt hatte rot gesehen, weil seine Kühe Ohrmarken erhalten sollen. Diese sieht er als Tierquälerei. Deswegen überwarf er sich seit 2002 immer wieder mit den Behörden, denen er Willkür vorwarf. Mehrfach kam es zu Polizeiaktionen, als die Ämter versuchten, vorgeschriebene tierärztliche Maßnahmen durchzusetzen. Wegen seines Widerstandes kam er bereits vorübergehend in die Psychiatrie.

Am 4. Mai waren auf behördliche Anordnung Tierärzte unter Polizeischutz auf seinem Hof, um erforderliche Blutproben der Rinder zu nehmen und Ohrmarken zu setzen. Als der Landwirt mit seinem Traktor dazukam, rastete er aus.

Die vom der Verteidigung beantragte Unterbringung des Mannes auf einem therapeutisch ausgerichteten Biohof und eine gesetzliche Betreuung für alle Behördenangelegenheiten lehnte das Gericht ab. Diese sogenannte „Insellösung“ sei zwar theoretisch wünschenswert, aber aufgrund der schlechten Prognose für den Beschuldigten in der Praxis nicht umsetzbar. Er werde auch weiter mit seinen Reizthemen befasst sein, erst recht auf einem Bauernhof mit Rinderhaltung, sagte Brommann. Dann könne der Landwirt „wieder wahnhaft reagieren und dies vielleicht in dramatischer Weise.“ Zu wünschen sei ihm, „dass er die Wende schafft“. Die Verteidigung kündigte Revision an.

dpa

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