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„Grusel-Kabinett“ der Mittelalter-Heilkunst

Schönberg „Grusel-Kabinett“ der Mittelalter-Heilkunst

Nicht alles, was früher Menschen heilen sollte, tat ihnen wirklich gut. Die neue Sonderausstellung im Probstei Museum in Schönberg heißt zwar „Heilkunst im Mittelalter“, doch eine Kunst war das oft nicht. „Das ist ein bisschen Grusel-Kabinett“, sagt Museumsleiterin Renate Sommerfeld.

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Museumsleiterin Renate Sommerfeld zeigt eine Schüssel mit Löffeln, die für die Mittel der "Dreckapotheke" stehen wie zum Beispiel Mumienpulver, Krötenschlamm und Fledermausblut.

Quelle: Thomas Christiansen

Schönberg. Vieles sei schon abenteuerlich gewesen, meint Sommerfeld: „Je scheußlicher die Krankheit, desto abstruser die Mittel.“ Aderlass, Schröpfen und das Kauterisieren (Brennen) waren übliche Methoden im Mittelalter. „Früher hat man auch gedacht, je mehr die Wunde eitert, desto besser ist das für die Wunde“, erklärt Sommerfeld. Nach heutigen Erkenntnissen sei manches nicht nur gruselig, sondern auch sträflich gewesen. „Wer damals eine schwere Krankheit hatte, war verloren“, sagt die Museumsleiterin. Nicht nur Seuchen stand man hilflos gegenüber, auch bei harmloseren Erkrankungen waren die Ursachen und Übertragungswege unbekannt.

Eine Zahnbehandlung wurde im Mittelalter oft zum öffentlichen Spektakel. Man glaubte, dass Zähne von Würmern zerfressen würden. Diese Würmer trieben die „Zahnbrecher“ vermeintlich aus, in dem sie Bilsensamen auf ein glühendes Blech streuten. Die grauen Samenkörner sprangen durch die Hitze auf und heraus kamen kleine weiße Kerne – angeblich die Zahnwürmer. Die Ausstellung informiert über Wundermittel wie etwa Theriak, der als Allheilmittel gegen alle möglichen Krankheiten galt, über die Bestandteile der „Dreckapotheke“ wie Krötenschlamm, Fledermausblut, Exkremente, Schweiß und Speichel, aber auch über die Heilkunst von Hildegard von Bingen, die Arbeit von Hebammen und die Wirkung von Heilkräutern.

Orientierung geben in der Ausstellung große Thementafeln, etwa zu Wundermitteln, zur Klostermedizin, zu den Hebammen oder zu den Hospitälern im Mittelalter. In den Vitrinen sind unter anderem die Werkzeuge zu sehen, mit denen damals gearbeitet wurde.

Die von der Kulturwissenschaftlerin und Kunsthistorikern Alice Selinger erarbeitete Wanderausstellung geht bis in eine Zeit zurück, aus der es kaum spezielle Erkenntnisse für die Probstei gibt. Die meisten Städte, Dörfer und Flecken sowie auch das Preetzer Kloster wurden erst im 13. Jahrhundert gegründet. Dennoch habe sich die mittelalterliche Heilkunst auch noch lange in der Probstei ausgewirkt, sagt Sommerfeld. Dass es noch Mitte des 17. Jahrhunderts eine der letzten Hexenverfolgungen am Rande der Probstei geben konnte, zeige, „wie lange sich Unkenntnis, Aberglaube und Quacksalberei auch hier hielten“. Andererseits blieben aber auch effektive Heilmethoden wie die Pflanzenheilkunde, das Wissen von Hebammen und die Kenntnis von einfachen Hausmitteln und Behandlungsmethoden bis in die Neuzeit bewahrt.

Programm rund um die Ausstellung

Die Ausstellung „Geschröpft und zur Ader gelassen – Heilkunst im Mittelalter“ im Probstei Museum Schönberg, Ostseestraße 8-10, ist bis zum 31. Juli dienstags bis sonntags (auch Pfingstmontag) von 14 bis 17 Uhr sowie donnerstags zusätzlich auch von 10 bis 12 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet für Erwachsene zwei, für Kinder einen Euro. Zum Rahmenprogramm gehören museumspädagogische Angebote für Schulklassen, Führungen durch die Ausstellung und Ferien-Aktionen. Nähere Informationen zu den Angeboten unter www.probstei-museum.de oder Tel. 04344/3174. Im Juli gibt es außerdem einen Vortrag zur Ausstellung: Marlies Hürtgen-Boenkost spricht am Donnerstag, 7. Juli, 19.30 Uhr, im Probstei Museum über die Heilkunst von Hildegard von Bingen.

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Ein Artikel von
Thomas Christiansen
Ostholsteiner Zeitung

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