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Segelmacherei Sie haben den Bogen raus

Was tut ein Fachbetrieb, der kein Fachpersonal findet? Onno Rosenau bedient sich branchenfremder Mitarbeiter – wenn sie denn in sein Team passen. Jetzt produzieren in der Oleu Heikendorf GmbH ein Schlosser, ein Metallbauer und eine Damenschneiderin Schutzverdecke für Sportboote.

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Hobby zum Beruf gemacht

Hand- und Muskelarbeit ist beim Biegen der Bügel für eine Persenning gefordert: Metallbauer Andy Grünitz hat auf seinem vorherigen Arbeitsplatz nur Maschinen bedient.

Quelle: Ralph Böttcher

Heikendorf. Auf dem Fußboden der Werkhalle im Heikendorfer Gewerbegebiet kniet Andy Grünitz. Mit den Händen versucht er, einen Edelstahlbügel mit der Zeichnung überein zu bringen. Das Gestänge muss genau die gleiche Krümmung haben wie der Rumpf des Schiffes, für das die Persenning bestellt wurde. Grünitz kommt ins Schwitzen. Dennoch schwärmt der 43-jährige Metallbauer aus Högsdorf: „Richtige Handarbeit.“ Auf seiner vorherigen Arbeitsstelle hat er Maschinen zur Produktion von Stahltüren bedient.

 Warum er schließlich die Firma verließ, möchte Grünitz nicht erzählen. Aber seit dem 15. Dezember hat er wieder eine Perspektive. Jörg Schlemminger von der Agentur für Arbeit Kiel hat ihn mit Onno Rosenau zusammengebracht. Jetzt fertigt er Persenninge, zum Beispiel für Spritzhauben, sogenannte Sprayhoods, auf Sportbooten. Ihm zur Seite steht Edgar Grapengeter (65). Der gelernte Schlosser verlor 2005 wegen der Insolvenz der Firma Morisse seinen Arbeitsplatz. „Die jungen Damen beim Arbeitsamt sagten, ich solle mir einen Computer anschaffen und einen neuen Job suchen“, erinnert er sich.

 Grapengeter, ebenfalls von Schlemminger zu Oleu vermittelt, kennt inzwischen die Sonderwünsche der Bootseigner, denen die Standardverdecke auf ihren Jachten häufig nicht gut genug sind. Also fährt er in die Sportboothäfen nach Wedel oder Stralsund, nimmt an Bord auf einer Folie Maß und biegt daheim in Heikendorf das Gestänge aus 25er V2A-Edelstahl zurecht. Dann wieder raus zum Boot, anpassen, nachbessern. Die Feinheiten kommen erst, wenn das Gedeck steht: Knöpfe werden eingesetzt, Haltestangen (Gripper) auf Wunsch mit Leder überzogen. 250 verschiedene Modelle haben sie bei Oleu im Programm, von der Sprayhood bis zur „Kuchenbude“, was im Jargon der Freizeitkapitäne etwa die Kaffeelounge an Deck darstellt. Im Jahr werden etwa 100 Stück gefertigt. Stückpreis zwischen 1500 und 5000 Euro.

 16 bis 20 Stunden brauchen die Näherinnen für eine Sprayhood. Polina Rachmanova sitzt an einer der vier Nähmaschinen. Die 31-Jährige Russin ist vor elf Jahren aus Sibirien nach Deutschland gekommen. In ihrer Heimatstadt Sajanogorsk hatte sie Damenschneiderin gelernt, in Kiel fand sie zunächst Beschäftigung in der Textilfertigung. 2014 kam sie zu Onno Rosenau. Das Nähen von Bootsverdecken ist „ganz anders“ sagt sie und zeigt warum: Auf allen vieren hockt sie sich auf den riesigen Nähtisch, schneidet das harte Acryl akkurat zurecht, passt die robusten Reißverschlüsse ein. Auch die Nähmaschinen sind für jede Mitarbeiterin maßgeschneidert, damit sie die Nähte stets auf Augenhöhe haben.

 Onno Rosenau betreibt eine der größten Segelmachereien im Land. Warum von neun Mitarbeitern drei keine Segelmacher sind, erklärte der 52-jährige Meister so: „80 Prozent der in Deutschland verkauften Segel stammen aus dem asiatischen Raum.“

 In der Landesberufsschule in Lübeck-Travemünde, der einzigen Berufsschule für Segelmacher in Deutschland, säßen gerade noch 15 bis 20 Schüler in einem Jahrgang. In der Branche muss man flexibel sein – nicht nur beim Personal. Am anderen Ende seiner Halle lässt Rosenau Kabinenschutzmatten für Aufzüge herstellen. 500 Stück näht Mitarbeiter David Pagels im Jahr aus LKW-Plane und füllt sie mit einer Filzschicht aus recycleten Altkleidern. Der 28-jährige Malchower ist von Beruf – Segelmacher.

 Die Oleu Heikendorf GmbH (geschäftsführender Gesellschafter: Onno Rosenau) gehört seit 1991 zur Oleu-Gruppe (Firmengründer: Oliver Leu). An den Standorten Heiligenhafen, Burgstaaken/Fehmarn und Flensburg sind über 30 Mitarbeiter beschäftigt. In einer weiteren Produktionsstätte in Sri Lanka arbeiten etwa 80 Menschen. Seit 2005 besteht eine Zusammenarbeit von Oleu-Segel mit Doyle Sailmakers in Massachusetts (USA), einer renommierten Gruppe von über 70 Segelmachereien weltweit.

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Ein Artikel von
Ralph Böttcher
Ressortleiter Ostholsteiner Zeitung

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