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Nur noch eine Kneipe

Todendorf Nur noch eine Kneipe

Im kleinen Örtchen Todendorf gab es einst die wohl größte Kneipendichte zwischen Kiel und Hamburg. Schon als 1952 die ersten Soldaten auf den frisch eingerichteten Truppenübungsplatz fuhren, hatten sie abends großen Durst auf Bier und Schnaps. Sieben Gaststätten öffneten zu Spitzenzeiten rund um das Kasernentor und verdienten sehr gutes Geld. Heute existiert nur noch die „Oase“.

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„With best wishes“ unterzeichnete der ehemalige US-Präsident Ronald Reagan ein Foto, das an die früheren Betreiber der Oase, Margot Dobslaw und Astrid Puhlmann, gerichtet war. Der heutige Inhaber Michael Puhlmann und seine Frau Susanne reservierten für das besondere Autogramm einen Ehrenplatz hinter dem Tresen.

Quelle: Hans-Jürgen Schekahn

Panker. Die Gaststätte ist voller Relikte aus der Zeit, in der Holländer, Briten und Amerikaner in Viererreihen vor dem Tresen um Getränke anstanden. Wer die Wände der Oase entlanggeht, schaut auf unzählige Einheitsabzeichen, Erinnerungsfotos und militärische Urkunden. Kaum ein Trupp, der früher in Todendorf schießen übte, hinterließ kein Abschiedsgeschenk für die Gastronomen. Zu den besonderen Stücken gehört eine Original US-Flugdrohne, die von der Decke hängt und früher als Zielobjekt diente. Eine US-Einheit aus Texas spendierte der Oase riesige Hörner eines original Texas-Rindes, deren Spannweite fast zwei Meter misst.

 Die heutigen Inhaber Michael und Susanna Puhlmann erinnern sich noch lebhaft an früher: „Hier spielte das Leben.“ Die ersten Gäste kamen gleich nach Dienstschluss in der Kaserne um 16 Uhr und bestellten das legendäre Jägerschnitzel, das ihnen Astrid Puhlmann servierte, die Mutter von Michael. Sie genoss die höchste Wertschätzung vor allem der amerikanischen Soldaten und wurde von ihnen liebevoll nur „Mom“ genannt. Eine Widmung auf einem Foto bezeugt das: „Astrid (Mom). You are truly the real mother of Air Defense“. Bis Mitternacht zechten die Soldaten, bedient von einer handvoll Tresenkräften und Küchenhelfern. Das Geschäft brummte. Wenn die Militärpolizei allerdings in der Tür stand, war Schluss. Vor allem die amerikanische MP genoss den Ruf, mit ihren Schlagstöcken nicht zimperlich zu sein, wenn es auf den Zapfenstreich zuging.

 Wer zum ersten Mal in der Oase etwas bestellte, für den hatten die US-Boys ein ganz besonderes Begrüßungsgetränk namens „Rusty Nail“. Der „rostige Nagel“ bestand aus Pernod, dem scharfen Kräuterlikör Ratzeputz, einem Stück Zucker und sehr viel Tabasco. Vor allem die Unteroffiziere machten sich einen Spaß daraus, die Neulinge in Todendorf mit dieser Feuertaufe für den Gaumen zu überraschen. Um das Brennen im Hals zu lindern, lagerte immer Weißbrot hinter dem Tresen.

 Puhlmann, selbst acht Jahre Bundeswehrsoldat, kann unendlich viele Anekdoten erzählen. So wie die von einem Drei-Sterne-General, der noch an seinem Hosenschlitz fingernd das WC verließ. Zwei gerade in die Oase gekommene einfache Soldaten sprangen auf und machten diensteifrig ihre Ehrenbezeugung gegenüber dem General, der in diesem Augenblick gar nicht so generalhaft wirkte.

 Der Gastwirt erinnert sich auch an eine Gruppe deutscher Soldaten, die eigentlich fröhlich feierte, bis jemand aus der Kaserne herüberkam. Alle sollten sofort mitkommen. Man habe einen Einsatzbefehl für Ex-Jugoslawien. „Die sind direkt von unserer Kneipe in den Kosovo.“

 Die Kneipenherrlichkeit ebbte in den 80er-Jahren allerdings deutlich ab. Die Alliierten blieben aus. In Hochzeiten hatten noch 15000 Soldaten pro Jahr in Todendorf geübt. Nach und nach schlossen die Gaststätten mit Namen wie Metropol, Sanssouci, Alter Fritz oder Waldschänke. Die Oase ernährt auch nicht mehr die Besitzer und ist heute nur noch am Wochenende geöffnet. Die einzigen Soldaten, die noch vorbei schauen, gehören zu einer Wandergruppe der Reservistenkameradschaft.

 Die Amerikaner blieben Astrid Puhlmann allerdings bis zu ihrem Tod 2001 eng verbunden. Auf Einladung des Militärs reiste sie noch 2000 zu einem Besuch in die Staaten. US-Soldaten ließen es sich nicht nehmen, zum Begräbnis von „Mom“ zu kommen und in Uniform den Sarg im typischen Wiegeschritt von der Kirche zum Friedhof zu tragen. Zum Schluss überreichten sie den Hinterbliebenen sogar eine amerikanische Flagge. Ein Offizier des 1st Battalion 4th Air Defense schrieb damals eine letzte Widmung für die Gastwirtin: „To Mom in heaven. Your spirit lives on.“

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Ein Artikel von
Hans-Jürgen Schekahn
Ostholsteiner Zeitung

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