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Lächeln zwischen Brandruinen

Altenholzer Ladenzeile Stift Lächeln zwischen Brandruinen

In Altenholz bei Kiel reißen Bagger die Brandruine der Ladenzeile Stift ab. Die Geschäftsinhaber, die nach der Brandstiftung alles verloren, haben sich im Provisorium eingerichtet. Die Kunden halten ihnen eisern die Treue. „Das ist wie in einer Familie“, sagen sie.

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Der Abriss der abgebrannten Ladenzeile hat gerade begonnen. Abbruchunternehmer Dirk Grabowski (links) ist zuversichtlich, dass in drei Wochen alles geräumt ist. Heiko Fronder und Baggerfahrer Denis Erdmann schaffen ordentlich was weg.

Quelle: Cornelia D. Müller

Altenholz. Rita Köster lehnt sich auf dem Stuhl zurück, blinzelt in die Sonne. „Da wird gebaggert, und wir gucken schön beim Kaffee auf der Terrasse zu“, sagt sie zu Karoline Herrmann. Die Rentnerinnen wohnen in der Senioreneinrichtung hinter der Ruine, die nach dem Feuer im November 2014 vom Einkaufszentrum übrig blieb. Ihre Gehwagen haben sie vor dem Steiskal-Container geparkt, wie immer. Seit anderthalb Monaten ist dieses Provisorium Backstube, Brötchentheke, Frühstücksbistro, Terrassencafé, familiärer Treffpunkt. Die Monate davor bedienten Brigitte Bohnhoff und Steffi Pick auch bei Frost aus einem Wagen heraus auf dem Parkplatz gegenüber. Der Arbeitgeber stellte sogar die warme Skiunterwäsche.

 Der Bäcker ist einer der Nahversorger, die den Stifter Bürgern der 10000-Einwohner-Gemeinde Altenholz erhalten blieb. Mit der Ladenzeile lagen auf einen Schlag Supermarkt, kleine Läden, Geldautomat, griechisches Restaurant, Café, zwei Bäckereifilialen, Imbiss in Schutt und Asche. Für die überwiegend älteren Bewohner des Ortsteils kam das einer Katastrophe gleich. Doch Bürgermeister, Verwaltung, Vereine, Kirche setzten alle Hebel in Bewegung, um die Nahversorgung zu erhalten. Das DRK richtete einen Fahrdienst zum Supermarkt im Ortsteil Klausdorf ein.

 Das Blumengeschäft Kalinka hat einen Containershop bezogen und hält seine Stammkunden. Friseurmeister Sascha Berg stylt im ersten Stock über der Apotheke. „Uns fehlt Laufkundschaft, und die Treppe ist eine Hürde“, räumt er ein. „Wir hoffen, dass ein neues Zentrum gebaut wird, in das wir mit einziehen. Unser Betrieb ist 53 Jahre in Stift und gehört hierher.“ Ob oder wann das der Fall sein wird, ist unklar. Altenholz überplant das Stifter Zentrum jetzt städtebaulich. Das braucht Zeit.

 Buchhändlerin Anke Petersen wagte ebenfalls den Neubeginn im Container. Auf winzigem Raum finden Schreibwaren, Lotto, Zeitschriften, Bücher, Schulbuchauslieferung und seit zwei Wochen auch eine Postfiliale mit Bankdienst Platz. „Ohne Sie wären wir aufgeschmissen“, bekräftigt Daniela Müller, die ein Päckchen abholt. Drüben im Herrenhaus ist vorübergehend der Änderungsschneider untergekommen. Und Gastronom Lazaros Kostas kann wieder lachen: Gegenüber vom Herrenhaus bekommt der Grieche neue Räume, die für ihn komplett umgebaut werden. Im Mai ist Neueröffnung des Lokals. „Dabei glaubten wir erst, alles ist zu Ende“, gibt er zu.

 Auf der Trümmerstelle spürt auch Abbruchunternehmer Dirk Grabowski aus Lübeck, dass alles um die Ladenzeile Herzenssache ist. Eine Gruppe der evangelischen Kita nebenan ist komplett mit Erzieherinnen angetreten, um dem Bagger zuzusehen. „Der räumt auf“, erklärt ein kleiner Junge. Da lässt Grabowski die Kinder ausnahmsweise näher heran. „So könnt ihr besser gucken“, sagt er und lächelt. Auch er spürt: Es muss vorangehen in Stift, damit die Hoffnung nicht kippt.

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