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Erinnerungen an eine Kindheit auf dem Lande

Kronshagen Erinnerungen an eine Kindheit auf dem Lande

„Ein Sohn kann sich doch nicht vorstellen, dass die Mutter auch mal ein Kind war“, ist Annemarie Rubinke überzeugt. Deshalb fing die Kronshagener Malerin vor drei Jahren an, ihr Aufwachsen im ländlichen Schleswig-Holstein aufzuschreiben. Herausgekommen ist dabei ihr zweites Buch: „Eine Kindheit als Erlebnis – 1944 bis 1959.“

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Annemarie Rubinke erzählt in ihrem zweiten Buch von der Kindheit auf dem Lande.

Quelle: Torsten Müller

Kronshagen. Annemarie Rubinke wehrt aber gleich ab: „Es ist kein Klagen und Jammern über eine schlimme Zeit.“ Soweit die Erinnerungen zurückreichen, war der Zweite Weltkrieg schon zu Ende. Er kommt in der Sammlung der insgesamt 90 Geschichten nur am Rande vor: zum Beispiel als Traute, die Erzählerin, mit fünf Jahren einen Trägerrock geschenkt bekommt und sich darin fürchterlich schämt. „Jeder sah, dass der Rock einmal eine Männerjacke war“, sagt die 71-Jährige. Das Kleidungsstück hatte dem ersten Mann ihrer Mutter gehört, der im Krieg gefallen war. Das kleine Mädchen schmollte einen ganzen Tag lang mit der Mutter.

 „Ich war eine Hausgeburt und wurde auch zu Hause getauft. Dafür holte mein Vater eigens Wasser aus dem Großen Plöner See“, erzählt Rubinke. Der Vater arbeitete als Verwalter auf Gut Ascheberg im Kreis Plön. Auf dem Hof standen 30 Arbeitspferde, Pestizide waren noch nicht im Einsatz – Schädlinge bekämpften die Kinder. „Bereits als Vierjährige zog ich mit meinen neuen kleinen Blecheimer los, um Raupen vom Kohl zu sammeln“, erinnert sie sich. Kinder mussten vielfältig mitarbeiten: Hühner füttern, Blut rühren, Reetdach decken und mit dem Kleinkalibergewehr Stare aus dem Kirschbaum schießen. Dennoch ist Rubinke dankbar für diese Kindheit: „Wir hatten ein freies Leben und waren den ganzen Tag ohne Erwachsene unterwegs. Wir haben früh Eigenverantwortung gelernt und mussten uns nicht zwischendurch mit dem Handy bei Mama melden.“ Hauptpersonen war sie in der Familie nur einmal im Jahr: zum Geburtstag.

 Der Lastenausgleich zwang Gut Ascheberg, Ländereien abzugeben und den Verwalter zu entlassen. Borghorst bei Gettorf, Dithmarschen und Eckholz am Nord-Ostsee-Kanal, in dem die Kinder genauso wie im Flemhuder See badeten, waren ihre weiteren Lebensorte bis zur Konfirmation mit 15 Jahren. Dann begann der „Ernst des Lebens“.

 Rubinke hat die Gabe einer feinfühligen und detaillierten Erinnerung, sie dokumentiert in ihren Erzählungen Zeittypisches. Kultur war für das Mädchen zunächst das bedruckte Papier auf der Landtoilette, dann die Aufführungen des KN-Kaspers in Schinkel. Mit neun Jahren lud der Vater sie und die beiden jüngeren Schwestern im Winter zu „Schneeweißchen und Rosenrot“ in das Kieler Stadttheater ein. In Sonntagskleidchen und Trainingsanzügen fuhren sie mit zwei Rädern durch den Schnee zum Bahnhof in Gettorf, um nach Kiel zu gelangen. Noch heute staunt Annemarie Rubinke darüber, was ihr Vater auf sich nahm, „um uns an Kultur herzuführen“. Ihr Sohn soll das neue Buch im kommenden Monat als Geburtstagsgeschenk erhalten.

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Ein Artikel von
Torsten Müller
Redaktion Holsteiner Zeitung

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