20 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Blind und doch selbstständig unterwegs

Kronshagen Blind und doch selbstständig unterwegs

Auch in Kronshagen leben Menschen, die nicht mehr sehen können. Seit ein paar Monaten sind in den Straßen zwei blinde Asylbewerber aus Syrien mit einem weißen Stock zu beobachten – begleitet von einem Trainer. Finanziert durch Spenden lernen sie, sich selbstständig durch den Ort zu bewegen.

Voriger Artikel
Kreis stellt sich bei der Kreuzung quer
Nächster Artikel
Info-Blatt zu NS-Bürgermeister

Andreas Wendt, Reha-Lehrer für Orientierung und Mobiltät, hilft dem Blinden Duraid Hayatleh aus Syrien, selbstständig in Kronshagen gehen zu können.

Quelle: Torsten Müller

Kronshagen. Die Kugel am Ende des weißen Stocks schabt über den Gehweg in der Kieler Straße. Auf Höhe des Alten Gemeindehauses ist plötzlich ein Klopfgeräusch zu hören: Duraid Hayatleh ist mit dem Stock gegen einen Ampelmasten geraten. Suchend greift der Blinde mit den Händen nach dem Masten und findet schließlich den Signalgeber, um das Grün anzufordern.

 „Es ist besser, einen sicheren Weg zu nehmen“, rät ihm Andreas Wendt, Reha-Lehrer für Orientierung und Mobilität, auf Englisch. Seit Oktober trainiert der Mitarbeiter des Blinden- und Sehbehindertenvereins nicht nur mit ihm, sondern auch mit dessen jüngerem Bruder Hamzeh Hayatleh. Beide leiden an einer Erbkrankheit. Die Blindheit stellte sich erst schleichend mit knapp 30 und 40 Jahren ein.

 Die Gemeinde stand im vergangenen Jahr vor einem neuen Problem: Aus der Erstaufnahmeeinrichtung kamen vier Brüder aus Damaskus nach Kronshagen – zwei davon blind. Weil Asylbewerber keinen Anspruch auf ein Mobilitätstraining haben, solange sie nicht anerkannt sind, riefen Lidia Pfeifer, Flüchtlingsbetreuerin der Gemeinde, und Ingrid Weskamp von der Kronshagener Flüchtlingshilfe zu Spenden auf. Die Naeve-Stiftung sagte prompt zu, die Hälfte der Kosten zu übernehmen, die andere Hälfte finanzierte die Flüchtlingshilfe aus Spenden.

 Je zwei Stunden in der Woche trainieren die Brüder mit Andreas Wendt. Hamzeh Hayatleh unternahm im Januar erste selbstständige Spaziergänge in Kronshagen. Er ist nur noch wenig auf die Hilfe durch seine sehenden Brüder angewiesen. Mit der Kieler Straße fühlt er sich schon vertraut. Problematisch sind die Bahnschienen. Es fehlt eine Markierung, die Blinden signalisiert, ob sie sich vor oder hinter den Gleisen befinden. Die Unsicherheit kann Angst auslösen. Hayatleh schlug schon mal ein Schrankenbalken auf den Kopf. Sein Wunsch ist es, bald allein zur Moschee in Kiel zu gelangen. Froh sagt er: „Vielen Dank für die Chance, als Blinder selbstständig gehen zu können.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Torsten Müller
Redaktion Holsteiner Zeitung

Mehr aus Nachrichten aus Rendsburg 2/3