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„Ich habe keinen Ärger mit Betrunkenen – die Polizei bin ich“

60 Jahre Kanalschänke „Ich habe keinen Ärger mit Betrunkenen – die Polizei bin ich“

Karla Mohr staunt selbst ein bisschen: „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so lange machen würde.“ Die 86-jährige Gastronomin ist eine Institution in Quarnbek. An Montag, 30. Mai, betreibt sie die Kanalschänke in Landwehr seit nunmehr 60 Jahren – es ist die einzige verbliebene Kneipe in der Gemeinde.

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„Das Bierzapfen ist mein Hobby.“ Seit 60 Jahren betreibt Karla Mohr die Kanalschänke in Landwehr.

Quelle: Torsten Müller

Quarnbek. „Das Bierzapfen ist mein Hobby“, sagt die Dame hinter dem Tresen und lacht. Ans Aufhören denkt sie nicht: „Solange meine Gäste mich wollen und ich gesund bin, mache ich weiter.“ Natürlich wollen das die Gäste und drücken ihr die Daumen, wie Nachbar Hartmut Jegliewski. Regelmäßig kommen die Basketballer, Knobelrunden, Sparklub, Rotkreuzler und Grüne sowie der Verein vom Vogelschießen. Die kleine Wirtsstube und das abgegrenzte Raucherzimmer an der Zufahrt zur Kanalfähre wirken noch immer wie Magnete auf die zahlreichen Stammgäste und Ausflügler. Täglich von 10 bis 20 Uhr hat Karla Mohr die Kanalschänke für ein kühles Bier oder einen heißen Filterkaffee geöffnet – nur mittwochs nicht. Da fährt sie traditionell zum Frisör am Kieler Exer.

 „Am 30. Mai ist der Weltuntergang“, sang in den 50er-Jahren erfolgreich das Golgowski-Quartett. Karla Mohr hat an diesen Tag ganz andere Erinnerungen. „Am Himmelfahrtstag 1956 habe ich mit meinem Mann Hermann die Kanalschänke aufgemacht.“ Das kleine Haus an der Bushaltestelle bauten sie Stück um Stück selbst; das Grundstück pachteten sie von der Kanalverwaltung. Karla Mohr war nördlich des Kanals, in Lindau, geboren. Ihren Mann, Maurer von Beruf, lernte sie in Felde kennen. Da sie als junger Mensch unter langwierigen Krankheiten gelitten hatte, suchte sie nach einer Möglichkeit für einen kleinen Zuverdienst. 1954 eröffnete sie zunächst einen Stubenladen in Strohbrück und dann die Busbude an der Haltestelle in Landwehr – gegenüber der späteren Kanalschänke.

 Die Lage war gut. „Morgens kamen die Arbeiter mit der Fähre über den Kanal und fuhren dann mit dem Kieler Bus weiter“, erzählt die Gastronomin. Zu Beginn war die Konzession auf die Ausgabe von Brause, Süßigkeiten, Kaffee und Flaschenbier beschränkt, in den 60er-Jahren erhielt sie die volle Konzession. „Jeden Freitag war Lohntüten-Ball“, erinnert sich Karla Mohr. Damals sei viel Bier und Korn getrunken worden. „Das änderte sich erst, als der Verkehr auf den Straßen stärker wurde“, sagt sie. Weder sie noch ihr Mann tranken oder rauchten – ein langes Gastronomenleben braucht Disziplin. Warmes Essen gibt es in der Kanalschänke bis heute nicht. Wer beim Biertrinken Hunger verspürt, bekommt Wurstbrot oder Kartoffelsalat.

 Ärger mit alkoholisierten Gästen hatte Karla Mohr nie. „Nicht mal an Vatertagen“, sagt sie und fügt hinzu: „Die Polizei bin ich.“

 An einen Vorfall vor elf Jahren erinnert sie sich aber ungern zurück: Ein Knall weckte sie in der Nacht. „Erst dachte ich an ein Gewitter.“ Doch als sie durch die Küche in die Gaststube blickte, sah sie plötzlich Scheinwerferlicht und hörte Musik. Ein Auto war durch die Hauswand bis zur Theke gefahren und der Fahrer geflüchtet. Da bewährte sich ihr größter Schatz: die Hilfsbereitschaft der Nachbarn, die beim Wiederaufbau anpackten. Auch als die Wirtin im folgenden Jahr eine neue Hüfte bekam, konnte sie sich auf die Nachbarn verlassen: Sie zapften über Wochen an ihrer Stelle das Bier.

 Ohne Karla Mohr wird es in Quarnbek keine Kneipe mehr geben, da ist sie sich sicher: „Die Auflagen wären für den Nachfolger viel zu hoch.“

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Ein Artikel von
Torsten Müller
Redaktion Holsteiner Zeitung

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