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Das Reet kommt aus China

Neues Dach auf Gut Bossee Das Reet kommt aus China

Nach dem großen Feuer von 1924 auf Gut Bossee wurde der gut zwei Jahrhunderte alte Kuhstall neu wieder aufgebaut. Trotz der Brandgefahr erhielt das Dach seinerzeit erneut eine Reetbedeckung – so wie es auf dem Lande seit alten Zeiten üblich war. Das Naturmaterial ist nicht nur schön anzusehen, es hält offenbar auch länger. Jetzt wird die Ostseite des denkmalgeschützten Gebäudes neu eingedeckt – erst zum zweiten Mal nach mehr als 90 Jahren.

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Heißer Arbeitsplatz: Dachdeckermeister Andreas Sell verlegt das Reet auf dem Kuhstall bei hohen Temperaturen.

Quelle: Torsten Müller

Westensee. Die Arbeit ist schweißtreibend. „Auf dem Reetdach herrschen im Sommer Temperaturen zwischen 70 bis 80 Grad“, sagt Dachdeckermeister Andreas Sell aus Rendsburg. Das Schilfrohr reflektiert das Sonnenlicht, es bildet eine perfekte Isolationsschicht. „Drinnen ist es dafür angenehm kühl“, weiß Sell. Die geschnürten Bündel, die er auf den Dachlatten verteilt, haben einen weiten Weg hinter sich: Sie stammen aus China, per Schiff und in ausgegasten Containern gelangen sie in den Westen – in Rollen mit jeweils 60 Bündeln, die zusammen etwa 250 Kilo wiegen.

 „In Europa gibt es fast keine eiskalten Winter mehr. Gutes Reet braucht viel Frost“, erklärt der Dachdecker. Dennoch wird es auch weiterhin in Ungarn, Polen, Tschechien und selbst in Deutschland geerntet. Die Gefahr von Fäulnis im Dach, die noch vor ein paar Jahren hierzulande für Schlagzeilen sorgte, befürchtet der Dachdecker jetzt nicht mehr. „Damals war das Reet zu früh geerntet worden. Quantität verhinderte Qualität“, sagt Sell und fügt hinzu: „Es gibt auch Dachdecker, die die Arbeit mit Reet nicht gelernt haben.“

 Gutsbesitzer Detlef von Bülow erinnert sich noch gut an andere Zeiten, als das Material noch aus heimischen Gefilden stammte: „In meiner Kindheit half ich im Winter mit, wenn auf dem vereisten Bossee oder Westensee das Reet mit einem Balkenmäher geschnitten wurde.“

 Dachdecker Christian Wulf arbeitet auf dem Dach mit langen, zum Teil gebogenen Nadeln. Mit diesen führt er wie ein Schneider Edelstahldraht durch die etwa 35 Zentimeter dicken Lagen von Reet hindurch, um sie an den Holzlatten zu befestigen. Früher verwendete man statt der Drähte Weidenstöcke. „Wichtig ist, dass der Untergrund gut aufliegt und bei Wind nicht wegfliegt“, erläutert Sell. Wie lange die neue Eindeckung hält, hängt auch von der Dachneigung ab – je steiler desto besser. „Reetdächer müssen mindestens 45 Grad haben, sonst läuft das Wasser durch“, sagt der Dachdecker, der den 1908 gegründeten Familienbetrieb in der vierten Generation fortführt. Er vermutet, dass er der Letzte in der Reihe sein wird: „Ich habe zwei Töchter, die sich beruflich anders orientiert haben.“ Dabei seien Reetdächer wieder im Kommen: „Selbst in Dubai gibt es sie schon.“

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Ein Artikel von
Torsten Müller
Redaktion Holsteiner Zeitung

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