27 ° / 11 ° heiter

Navigation:
Die Tat eines Selbstsüchtigen

Lebenslang für Rendsburger Finanzamtsmord Die Tat eines Selbstsüchtigen

Für die Urteilsverkündung im Schwurgerichtssaal des Landgerichts erhebt der Angeklagte Olaf L. (55) sich aus seinem Rollstuhl. Aufrecht stehend und äußerlich gelassen nimmt der Steuerberater aus Fockbek die offenbar erwartete Höchststrafe für die tödlichen Schüsse auf einen Sachgebietsleiter des Rendsburger Finanzamts entgegen.

Voriger Artikel
"Als wenn er in den Krieg ziehen wollte"
Nächster Artikel
Seltene Spenderinnen-Jubiläen

Rendsburg, 1. September 2014: Einsatzkräfte bringen den tödlich verletzten Sachgebietsleiter Wolfgang B. aus dem Finanzamt.

Quelle: Kühl

Kiel. „Ich selbst werde wohl das Gefängnis nicht mehr verlassen, ehe ich sterbe“, hatte Olaf L. schon wenige Stunden vor der Tat vom 1. September 2014 in einem Abschiedsbrief an seine Frau geschrieben. Seine Erklärung, „dem Ganzen jetzt ein Ende setzen“, wertet das Gericht nicht nur als Ankündigung eines „von absolutem Vernichtungswillen geprägten“ Verbrechens, sondern auch als Indiz für L.s Hang zu pathetisch-dramatischer Selbstdarstellung.

Wie zur Bestätigung rollt der ehemalige Laienschauspieler, der sich als Kommunalpolitiker 2013 erfolglos um das Bürgermeisteramt seiner Heimatgemeinde beworben hat, bei seinem letzten großen Auftritt vor der Öffentlichkeit selbstbewusst durchs Spalier der Kameras. Wie immer bewegt er sich ohne fremde Hilfe, bringt eine Bibel und Fotos seines Lieblingshundes mit.

Um den Rollstuhl leichter über die Schwelle des Saaleingangs wuchten zu können, übergibt Olaf L. die Sachen vor laufenden Kameras kurz einer Justizbeamtin. Dann breitet er die Dinge, diesmal auch das Grundgesetz, sorgfältig vor sich auf dem Tisch aus. Er wolle sich wieder mehr Gott zuwenden, hat er zu Beginn des Prozesses bei der Schilderung seines Lebensweges erklärt.

Als ehemaliger Schöffe am Rendsburger Amtsgericht kennt Olaf L. Prozessabläufe, ist vertraut mit dem Terrain. Sein offensiver Stil, sich als Angeklagter zu inszenieren, sorgt jetzt sogar bei Angehörigen des Opfers für ein kurzes Schmunzeln. Wo andere Deckung hinter ihrem Verteidiger suchen, wendet Olaf L. sich frontal den Kameras zu, sucht Blickkontakt zu Journalisten und bekundet Gesprächsbereitschaft.

Laut Urteil ist dieser Angeklagte „ein vom Schicksal schwer getroffener Mensch“, der sich jedoch durch eigene Schuld immer tiefer in seine missliche Situation hineinmanövriert hat. Bevor der Wirtschaftsprüfer eine Form von Selbstjustiz verübt hat, so der Vorsitzende Richter Jörg Brommann, habe er sich in einer Lage wirtschaftlicher Verzweiflung und Perspektivlosigkeit gesehen.

Die „hoch auffällige Persönlichkeit“ des seit der Kindheit an schweren Krankheiten leidenden, aber voll schuldfähigen Todesschützen ist ein Schwerpunkt der ausführlichen Urteilsbegründung. Der Vorsitzende betont, die in der Vergangenheit des Angeklagten wurzelnden Eigenheiten blieben ohne rechtliche Konsequenzen, förderten jedoch „ein gewisses Verständnis für die Mechanismen, die zur Tat geführt haben“.

So habe Olaf L. das Finanzamt in seiner paranoid eingefärbten Realitätswahrnehmung zum Feindbild aufgebaut. „Alle sind gegen mich, wollen mir Böses“, so habe der Angeklagte die Steuerbehörde wahrgenommen. Gleichzeitig hätten seine zahlreichen Klinikaufenthalte seit 2010 zu finanziellen Engpässen geführt. Der Angeklagte habe mit seinem konfrontativen Stil arrogant gewirkt und den Finanzbehörden viel zusätzliche Arbeit gemacht. Laut Urteil befürchtete er am Ende den wirtschaftlichen Ruin.

Für das Erkennen von Einstellungen und Gefühlen anderer fehle dem narzisstisch auf sich selbst bezogenen Mann die Empathie, heißt es im Urteil. Das zeige etwa sein Versuch, der Witwe des Opfers im Gerichtssaal einen Rosenkranz zu überreichen. Vielleicht trifft es auch auf seinen Umgang mit dem späteren Opfer Wolfgang B. zu, der ihm zehn Tage vor dem Mord ein „Klimagespräch“ im Finanzamt angeboten hatte. Olaf L. verweigerte den angeblich unzumutbaren Weg zur Behörde und bestand darauf, der Beamte solle bei ihm zu Hause vorsprechen.

Sein Mandant habe mit der Höchststrafe gerechnet, sagt Strafverteidiger Frank-Eckhard Brand danach. Ob er das Urteil anfechte, lässt der Lübecker Anwalt offen. Er werde vorsorglich fristgerecht Revision einlegen und die schriftlichen Urteilsgründe abwarten.

Dann äußert Olaf L., der am letzten Prozesstag erklärtermaßen „gar nichts“ mehr zu seiner Verteidigung zu sagen hatte, sich selbst. Den Richterspruch nennt er „absolut unangemessen“. Das Gericht, sagt er, habe nur belastende Faktoren berücksichtigt.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

THW-Liveticker!

Alle THW-Spiele live
online verfolgen. Mit
dem THW-Liveticker

Anzeige
Mehr zum Artikel
Kommentar

Das Urteil in einem der spektakulärsten Strafverfahren der letzten Jahre in Schleswig-Holstein ist gesprochen: Die tödlichen Schüsse des Steuerberaters Olaf L. auf einen leitenden Finanzbeamten waren „Ausdruck absoluten Vernichtungswillens“. Heimtückischer Mord. Die gesetzlich zwingende Folge ist eine lebenslange Freiheitsstrafe. Für die Strafjustiz ist der Fall damit aufgearbeitet. Aber noch lange nicht für das betroffene Finanzamt, auch nicht für alle Einrichtungen mit Bürgerkontakt und Konfliktpotenzial.

mehr