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Luchten brachten Licht in die Häuser

Freilichtmuseum Molfsee Luchten brachten Licht in die Häuser

Schon die alten Römer stöhnten über das dunkle Germanien. Aber auch etliche Jahrhunderte später war es in den Bauernhäusern hierzulande noch mächtig düster. Glasfenster? Fehlanzeige. „Die hielten erst nach der Renaissance Einzug“, sagte Dr. Nils Kagel am Sonntag bei seiner Premieren-Führung im Freilichtmuseum Molfsee.

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Dr. Nils Kagel zeigt einer Besucherin die großzügige Lucht im ältesten Wohnhaus des Museums: dem Pfarrhaus aus Grube. Die rautenförmige Verglasung ist altertümlich und erinnert an Kirchenfenster.

Quelle: Torsten Müller

Molfsee. Erst seit vergangenem November arbeitet Kagel in Molfsee; zuvor war er in Hamburg im Freilichtmuseum am Kiekeberg tätig. Molfsee schätzt er wegen der Vielfalt an Haustypen, die es nur im Land zwischen den Meeren gebe. Im Museum ist er als Bereichsleiter für alles zuständig, „was alt und fest ist“: die mehr als 70 Häuser, nicht deren Inventar. Die Geschichte der Fenster bietet einen neuen Blick zwischen Reet und Fachwerk.

 Am Anfang war der Rauch. Vor allem für ihn gab es Ausgänge im Niederdeutschen Fachhallenhaus. „Das Windauge war die Öffnung im Haus, die den Rauch rausließ“, erläuterte er. Wie groß es war, ist nicht durch überlieferte Beispiele verbürgt. Große Öffnungen brachten auch Nachteile mit sich: je größer, desto kälter wurde es im Winter. Das Wort Windauge geht auf das Altgermanische zurück und hat sich im englischen Wort „Window“ erhalten. Dass den Germanen Fenster fremd waren, zeigt der Umstand, dass das Wort aus dem Lateinischen („Fenestra“) entlehnt wurde.

 Fensterglas hielt seit dem hohen Mittelalter im Kirchenbau Einzug. „Wohngebäude des städtischen Bürgertums sind bereits seit dem 13./14 Jahrhundert teilverglast“, sagt Kagel. Die nach dem Mondglasverfahren hergestellten Butzenscheiben waren teuer. Sie hatten einen leichten Grünstich. Die Glasproduktion war regional und Wälder fressend. Die Buche galt als das beste Brennholz.

 Das Haus „Storm“, das in seiner Urform auf 1650 zurückgeht, ist innen noch sehr düster. Aber links und rechts gibt es in den Abseiten bereits sogenannte Luchten. Diese kleinen Fenster, meist bleiverglast, lassen so viel Licht hinein, dass nun bei Tag auch im Innenraum gearbeitet werden kann. Jedes Fenster ist ein Unikat. „Die vom Baumarkt würden nicht passen“, sagte Kagel. Neue Herstellungsverfahren machen das Material Glas preiswerter. Die ab 18. Jahrhundert verwandten Kreuzstockfenster lassen sich sogar öffnen. Halbbogenfenster bringen Licht in die Stallungen.

 Die wohl schönste Glasfront im Museum ist am Haus von Teschendorf aus Ostholstein zu sehen. Fachwerk und Fenster gehen eine Einheit ein. Zu sehen sind zudem bemalte sogenannte Fensterbierscheiben – kein Zeichen von Reichtum, sondern eine auf die Renaissance zurückgehende Sitte, solche Scheiben zur Hauseinweihung zu verschenken. Mit dem 19. Jahrhundert zieht die bürgerliche Wohnkultur auch in die Fachwerkhäuser ein. Fensterläden und Gardinen werden angebracht – das Bedürfnis nach Privatheit nimmt auch in dörflicher Gemeinschaft zu.

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Ein Artikel von
Torsten Müller
Redaktion Holsteiner Zeitung

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