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Flüchtlinge blieben als Landarbeiter

Kriegsende auf Gut Bossee Flüchtlinge blieben als Landarbeiter

Rund 30 Flüchtlinge aus Pommern und Ausgebombte aus Kiel fanden zum Kriegsende 1945 Obdach auf Gut Bossee in Westensee. Gutsherr Cai Friedrich von Bülow war damals 14 Jahre alt und erinnert sich noch gut an Schwierigkeiten bei der Körperhygiene und beim Heizen.

Als 14-Jähriger erlebte Cai Friedrich von Bülow das Kriegsende auf Gut Bossee. 30 Flüchtlinge fanden im Herrenhaus Asyl.

Quelle: Torsten Müller

Westensee. „Schon vor Ende des Krieges waren sie gekommen: Flüchtlinge aus Pommern und Ausgebombte aus Kiel“, erzählt der 84-Jährige. Sie belegten vor allem das Obergeschoss des Herrenhauses mit etwa 25 Zimmern. Auch in den beiden Kavaliershäusern waren jeweils zwei bis drei Familien einquartiert. Jede hatte einen eigenen Raum, der mit einer Brennhexe beheizt wurde. „Für das Ofenrohr wurde ein Loch in die Fensterscheibe gemacht. Noch Jahre später waren die Rauchspuren an der Front des Herrenhauses zu sehen. Die Bülows, die auch Zuzug von Verwandten aus Hinterpommern erhalten hatten, waren selbst auf 15 Familienmitglieder angewachsen, sodass sie im Untergeschoss zusammenrücken mussten. Nicht gebrauchte Möbel wurden im Gartenzimmer gelagert.

 Die Flüchtlinge gehörten zu einem großen Treck, der sich schon im Januar bei bitterer Kälte in Pommern in Bewegung gesetzt hatte. Mit Trecker und Pferdegespann kamen die Menschen in Bossee an – darunter der Gutsbesitzer von der Marwitz. Im Herrenhaus gab es nur eine Einheitstoilette und statt Waschbecken nur Schüsseln. Konflikte unter den neuen Bewohnern blieben nichts aus. Von Bülow erinnert sich an den Streit zweier Frauen, in dessen Folge Waschwasser von der Decke der dekorativen Eingangshalle herabtropfte. Im Allgemeinen verlief das Zusammenleben jedoch friedlich. Die neuen Bewohner begannen auf dem Gut zu arbeiten und erhielten auch Land, das sie selbst beackern konnten. Von Bülow erinnert sich noch gut an Tabakpflanzen. Deren Strünke fand er noch später auf dem Dachboden. „Die Einquartierung dauerte bis etwa Mitte der 50er Jahre an“, sagt von Bülow. Auch nach dem Auszug blieben viele ehemalige Flüchtlinge als Landarbeiter auf dem Gut.

 Kurz vor Kriegsende waren noch einige Bomben auf Bossee gefallen. Ziel war die auf dem Mühlenberg oberhalb der Eichenallee postierte militärische Scheinwerferstellung. Im Gutspark gingen zwei Bomben runter: eine explodierte, der Blindgänger wurde von Soldaten als Trophäe ausgegraben und ungesichert auf einer Eisenkarre abtransportiert. Ein kanadischer Jäger, der über dem Bruxer Holz abgestürzt war, „wurde auf Bossee von einem zufällig anwesenden Professor der Kieler Zahnklinik medizinisch versorgt“, weiß von Bülow.

 Mit der Kapitulation im Mai 1945 rückten die Engländer in Westensee ein. Sie stürmten ins Herrenhaus, um nach Waffen zu suchen. Über dem Gewehrschrank hing ein Foto von Wilhelm II. „Als die Briten das Bild sahen, riefen sie ,Gut, gut, deutsche Kaiser‘ und verschwanden wieder“, erinnert sich von Bülow.

 Einen grausigen Schrecken erlebten die Bosseer Monate später: Im Januar 1946 wurde die Räucherkate in direkter Nähe zum Gutshof brutal überfallen. Ehemalige Zwangsarbeiter aus den Lagern Jägerslust und Lübeck erschossen in dem Haus fünf Menschen – darunter eine schwangere Frau. Zwei Kinder überlebten mit Glück. „Das war eine grausame Nacht und stellte auch eine Bedrohung für das Gut dar“, sagt von Bülow. Die Täter hatten die Telefonleitungen gekappt. Zwei von ihnen wurden gefasst und von den Briten zu lebenslanger Haft verurteilt. Monate später konnten auch die übrigen Täter geschnappt werden – einer soll dabei erschossen worden sein.

Ein Artikel von
Torsten Müller
Redaktion Holsteiner Zeitung

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