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„Kein Bock gibt es bei uns nicht“

Taiwanese in Kronshagen „Kein Bock gibt es bei uns nicht“

Kronshagen. Besuch aus Taiwan hat derzeit Familie Kähler in Kronshagen. Chou, Yun-Te ist über das Jugendaustauschprogramm der Rotarier nach Deutschland gekommen. Den Schulalltag empfindet er hier völlig anders als in seinem asiatischen Heimatland: „Keinen Bock zu haben, gibt es bei uns nicht.“

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Von Taipeh nach Kronshagen: Chou, Yun-Te alias Victor ist derzeit als Austauschschüler zu Gast in der Familie von Claudia Kähler.

Quelle: Torsten Müller

Kronshagen. Victor ist ein freundlicher, respektvoller Mensch. Doch eigentlich heißt er gar nicht so, sondern Chou, Yun-Te. „Victor ist nur mein Spitzname“, sagt der 18-Jährige und überreicht seine Visitenkarte. Der junge Mann mit den gepflegten Manieren kommt aus Taiwan und wohnt derzeit als Austauschschüler der Rotarier bei Familie Kähler in Kronshagen.

 „Victor ist ehrgeizig“, weiß Gastmutter Claudia Kähler. In nur sieben Monaten habe er erstaunlich gut deutsch gelernt. Im vergangenen August, als er in Deutschland ankam, war das noch anders. „Guten Tag, ich bin Victor.“ Nur diesen Satz hatte er für die Begrüßung am Flughafen auswendig gelernt. Aber nicht nur die Sprache stellte am Anfang eine Hürde da. „Ich war nicht daran gewöhnt, dass hier nicht jedes Essen heiß gegessen wird“, sagt er. Taiwanesen sind überzeugt, dass heiße Speisen mehr satt machen. Auch mit Schwarzbrot stand er zu Beginn auf Kriegsfuß. Das hat sich geändert. „Ich mag das ganze deutsche Essen – außer Lakritze“, räumt der erklärte Currywurst-Fan ein.

 Wie deutsches Bier schmeckt, weiß Victor bis heute nicht. Alkohol und Drogen sind für Austauschschüler der Rotarier ein Jahr lang genauso tabu wie Autofahren, illegales Downloaden und Rendezvous. Zuhause in der Zwei-Millionen-Stadt Taipeh zeigen sich seine Eltern liberaler: „Ich darf eine Beziehung haben.“ Allerdings gebe es auch strengere Eltern, die Kontakte zum anderen Geschlecht erst mit Studienbeginn zuließen. Trotz des Fortwirkens der Traditionen sieht er sein Heimatland als modern an: „Die Rolle der Frau ist die beste in Asien. Wir liegen weltweit an 32. Stelle.“

 Victor weiß viele Fakten. „Unser Schulalltag ist anders und länger als in Deutschland. Wir lernen viel mehr Wissen; die Lehrer unterrichten frontal.“ Gleichheit zwischen den Uniform tragenden Schülern und den Lehrern gebe es genauso wenig wie zwischen Kindern und Eltern oder Großeltern - höflicher Respekt im Umgang schafft eine gewisse Distanz. Durch den bis 17 Uhr dauernden Schultag haben die Schüler weniger Freizeit. Mittags schlafen sie eine halbe Stunde lang am Schultisch – Kopf auf den Armen. „Wir müssen gut sein, um einen Platz an der Uni zu bekommen. Kein Bock gibt es bei uns nicht“, sagt er.

 Derzeit besucht Victor das Gymnasium Wellingdorf in Kiel. Diesen Schulalltag findet er wesentlich entspannter. Während der Osterferien absolviert er ein Praktikum im Kronshagener Rathaus und lässt sich von Kämmerer Kay Götze den Haushalt erklären. Auch die Gemeindevertretung besuchte der junge Taiwanese kürzlich. Beide Bereiche interessieren ihn sehr. Er will entweder Politiker oder Rechtsanwalt werden. Doch erst einmal freut er sich auf die Europareise mit anderen Austauschschülern. Seine Philosophie: „Wenn wir mehr von einander wissen, dann gibt es weniger Missverständnisse und mehr gegenseitigen Respekt.“

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Ein Artikel von
Torsten Müller
Redaktion Holsteiner Zeitung

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