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Neues Bewegungsgefühl mit den Rainbow Pirates

Verein "Meer bewegen" Neues Bewegungsgefühl mit den Rainbow Pirates

Die Boote sind aus dem Wasser geholt, der Steg ist abmontiert: Während der Wittensee Winterschlaf hält, schmieden Eike Ketzler und Thomas Preuhsler große Pläne. Mit ihrem Verein „Meer bewegen“ und einer deutschlandweit einzigartigen Technik wollen sie die Inklusion im Segelsport vorantreiben.

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Zwei Sitze, zentral angelegte Leinen zur Steuerung der Segel und ein Steuerhebel zum Lenken der Jolle sind Teil des „Sailability Kits“.

Quelle: Verein "Meer bewegen"

Groß Wittensee. Als Eike Ketzler (29) und Thomas Preuhsler (28) ihre Jolle erstmals ins Wasser lassen, ziehen sie alle Blicke auf sich. Für Kursänderungen müssen die beiden Segler keinen Positionswechsel vornehmen, sondern sitzen auf zwei sportlich geschnittenen Stühlen und lenken das Boot über einen Joystick. Auch die Leinen zur Steuerung der Segel sind nicht an den gewohnten Stellen zu finden. Sie werden zu einem zentralen Punkt mit Umlenkrollen und Klüsen geführt. Das „Sailability Kit“, wie sich die Sonderausstattung nennt, ist in Deutschland noch ziemlich unbekannt. In England hingegen nutzen es bereits viele Segler, um den bewegungsintensiven Sport trotz einer Behinderung ausüben zu können.

Die umgebaute „RS Venture“ gehört zum Verein „Meer bewegen“, den Eike Ketzler aus Hamburg und Thomas Preuhsler aus Borgstedt im Januar gegründet haben – zu einem Zeitpunkt, an dem das Aus für paralympisches Segeln ab 2020 noch nicht besiegelt war. Die Idee, Segler und Menschen mit Behinderung zusammenzubringen, kam den gelernten Schiffsmechanikern vor sechs Jahren: „Damals waren wir für die Reederei Hamburg Süd wochenlang auf Containerschiffen unterwegs. Bei den langen Nachtwachen haben wir uns immer wieder mal Gedanken gemacht, wie Inklusion auf Segelbooten funktionieren kann“, sagt Eike Ketzler. Denn Segelboote sind alles andere als barrierefrei: die Räume eng und dicht bepackt mit Equipment, die Leinen zur Steuerung der Segel an unterschiedlichen Stellen angebracht. Für Gehbehinderte nicht gerade der perfekte Ort. Doch davon lassen sich die Kollegen nicht beirren – vielleicht auch wegen ihrer familiären Vorgeschichte: Ketzlers Vater leitet eine Förderschule, Preuhslers Mutter war Sonderschullehrerin.

Eike Ketzler und Thomas Preuhsler wollen Inklusion gestalten: Menschen mit und ohne Behinderung zusammenbringen – egal ob Jung oder Alt. Denn Segeln heißt, im Team zu arbeiten. Dem Partner zu vertrauen, Verantwortung zu übernehmen und auch mal an seine eigenen Grenzen zu kommen: „Wir wollen keine Entenbeschau machen, sondern den sportlichen Aspekt in den Vordergrund rücken. Den Wind im Gesicht spüren und auch mal rasanter unterwegs sein“, sagt Thomas Preuhsler.

Den Ansatz, selbst eine behindertengerechte Technik zum Segeln zu entwickeln, verwarfen die Ingenieure für Schiffsbetrieb und Seeverkehr schnell. Eine entsprechende Ausstattung gibt es bereits – nur nicht auf dem deutschen Markt. Für die Umrüstung ihrer aus privaten Mitteln finanzierten Jolle reiste deshalb ein Mechaniker aus England an. Die erste Testfahrt auf dem Wittensee bestand das Segelboot. Doch ganz zufrieden waren Eike Ketzler und Thomas Preuhsler nicht: „Die Schoten (Anmerkung der Redaktion: die Leinen zum Bedienen der drei Segel) mussten anders gesetzt werden, damit die Jolle auch sportlich zu segeln ist.“ Eine Arbeit, die bis zum Ansegeln Anfang Mai zu schaffen ist.

Einer breiten Öffentlichkeit präsentiert werden soll das Segelboot schon am 21. Februar bei den Piratentagen in Rendsburg. Es ist die perfekte Plattform für den Verein, der im Zusatz den Namen Rainbow Pirates trägt. „Über Piratengeschichten und -lieder finden Kinder zum Segeln leichter einen Zugang“, erklärt Thomas Preuhsler. Seit er den Trainerschein besitzt, hat er schon vielen Kindern und Jugendlichen das Segeln beigebracht. Bei den Einführungsveranstaltungen mit den Behinderten will er aber von seinem Konzept abweichen. „Wir müssen ihnen zuallererst die Angst vorm Kentern nehmen. Dafür zeigen wir den Kindern, Jugendlichen und deren Betreuern, wie sich das Boot auf dem Wasser verhält und erklären ihnen, warum es nicht wie andere Boote umkippen kann.“ Denn anstelle des Schwertes hängt unterm Kiel eine sogenannte Bombe. Dadurch erlangt das Boot einen tiefen Schwerpunkt und ist praktisch kentersicher.

Auch wenn das „Sailability Kit“ Positionswechsel überflüssig macht – langweilen werden sich die bis zu acht Personen auf der Jolle mit den drei Segeln (Groß, Fock und Gennaker) nicht. „Jeder wird nach seinen Fähigkeiten eingesetzt“, sagt Eike Ketzler. Vorerst wollen die Vereinsgründer mit Schulen und Einrichtungen für Behinderte aus ganz Schleswig-Holstein zusammenarbeiten. Im Wittensee sehen sie das optimale Segelrevier – nicht nur der zentralen Lage wegen: „Es gibt keine Tide und Wellen, dafür aber ausreichend Wind“, sagt Thomas Preuhsler. Und: Man gehe nicht verloren, weil das Ufer immer in Sichtweite ist.

Ehe der Verein das erste Schnuppertraining und eine Einführungsveranstaltung in Groß Wittensee anbieten kann, müssen noch eine Formalie geklärt und eine Anschaffung getätigt werden. „Uns fehlt am Steg ein Personenlift, um Rollstuhlfahrer ins Boot zu heben“, sagt Eike Ketzler. Den kann die „Meer bewegen“-Vereinsspitze aber erst dann organisieren, wenn der Wassersportclub am Wittensee (WSCW) in einer Mitgliederversammlung der Mitbenutzung von Steg, Clubheim und Segelrevier zugestimmt hat. Vieles deutet darauf hin, dass das klappt: „Der WSCW-Vorsitzende hat schon seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit signalisiert“, sagt Eike Ketzler. Von einem anderen Mitglied stammt der Satz: „Auf dem Wittensee segeln Segler.“ Eine Aussage, die keinen Unterschied zwischen Menschen mit und ohne Behinderung macht. Gelebte Inklusion – mitten in Schleswig-Holstein.

Aktuelle Informationen zu Veranstaltungen wollen die Rainbow Pirates künftig auf ihrer Webseite www.meer-bewegen.de ankündigen.

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