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Aufs eigene Konto gebucht?

Ärztekammer-Prozess Aufs eigene Konto gebucht?

Nach mehreren gescheiterten Versuchen hat der Prozess gegen eine Mitarbeiterin der Ärztekammer Schleswig-Holstein vor dem Amtsgericht in Bad Segeberg endlich begonnen. Und die Belege dafür, dass die Frau rund 9000 Euro veruntreut hat, sprechen offenbar eine eindeutige Sprache.

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Per Computer soll eine Buchhalterin der Ärztekammer Mietzahlungen auf ihr eigenes Mieterkonto umgebucht haben. Nach langer Zeit steht die Frau jetzt in Bad Segeberg vor Gericht.

Quelle: Jochen Lübke / DPA

Bad Segeberg. Sie schüttelt den Kopf. Immer wieder. Ihre Augen suchen Blickkontakt zu ihrem Vater, der wenige Meter entfernt im Zuschauerraum des Amtsgerichts sitzt. Auch er schüttelt den Kopf, wenn Vorwürfe gegen seine Tochter vorgetragen werden. Doch die juristische Schlinge um deren Hals zieht sich bereits am ersten Verhandlungstag spürbar zu.

 Wiederholt hat es Anläufe gegeben, die heute 37-Jährige vor Gericht zu stellen. Schließlich haben sich die von der Staatsanwaltschaft aufgeführten Taten bereits zwischen April 2006 und Februar 2008 ereignet. Die Anklageschrift wurde im November 2010 verfasst. Doch seit 2011 sind mehrere Prozesstermine gescheitert, weil die Lübeckerin – seit zwei Jahren in Frührente – ihre angeschlagene Psyche ins Feld führte.

 Nun saß sie aber doch auf der Anklagebank in Saal 2 des Amtsgerichts. Schließlich drohte in einigen Wochen die Verjährung. Zwölf Fälle werden ihr zur Last gelegt. Es geht unter anderem um Untreue. Wie sich herausstellt, hat ein Systemfehler bei der Ärztekammer die Taten zumindest erheblich begünstigt.

 Die Versorgungseinrichtung der Ärztekammer vermietet Wohnungen – und die Buchhalterin hatte unter anderem zu kontrollieren, ob die Mieter pünktlich und vollständig zahlen. Außerdem kümmerte sie sich um Reparaturen und Sanierungen. Sie war aber auch selbst Mieterin einer Wohnung. Und wie sich durch verblüffte Nachfragen von Richterin Sabine Roggendorf herausstellte, konnte die Frau auch ihre eigenen Zahlungen unkontrolliert bearbeiten.

 Laut Staatsanwaltschaft Kiel hat die Angeklagte in fünf Fällen das Geld, das andere Mieter für ihre Wohnungen gezahlt hatten, klammheimlich auf ihr eigenes Mieterkonto gebucht. Es handelte sich um jeweils 573,41 Euro. Dadurch entstanden bei den anderen Bewohnern zwar offene Mietforderungen, doch die Frau soll diese im Computersystem als erledigt markiert haben. So wurden Mahnungen vermieden, durch die der Schwindel aufgeflogen wäre.

 Nachdem sie in eine privat vermietete Wohnung umgezogen war, soll sie in fünf weiteren Fällen Geld der Ärztekammer auf das Konto ihrer neuen Vermieterin überwiesen und das Ganze als Rückzahlungen von Kautionen und Ähnlichem deklariert haben. Auch hier sah ihr niemand auf die Finger, wie der ehemalige Leiter des Rechnungswesens als Zeuge einräumte. Der Bilanzbuchhalter war der Vorgesetzte der Angeklagten. Durch eine kleine Unregelmäßigkeit, die ihm auffiel, kam eine interne Nachforschung in Gang, die schließlich zur Aufdeckung führte.

 Letztlich soll die Frau auch noch mit Handwerkern getrickst haben. Zwei Rechnungen an eine Verlegefirma über jeweils rund 1500 Euro wurden nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft doppelt bezahlt. Das Unternehmen erstattete die überzählige Summe jeweils in bar an die Mitarbeiterin zurück. In deren Portemonnaie soll das Geld verschwunden sein.

 Die Angeklagte schweigt zu all den Vorwürfen, gibt aber durch Körpersprache zu erkennen, dass sie sich zu Unrecht beschuldigt fühlt. Versuche des Verteidigers, die fragwürdigen Buchungen plausibel zu erklären, fruchteten am ersten Verhandlungstag nicht, zumal eine ehemalige Kollegin der Frau den Weg des Geldes anhand zahlreicher Belege nachzeichnen konnte.

 Die Richterin ermunterte den Anwalt daraufhin, sich bis zum Fortsetzungstermin Gedanken über eine „Erklärung“ – sprich: Geständnis – zu machen. Der Prozess wird am Dienstag, 22. März, um 13 Uhr fortgesetzt.

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