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Dankt den Eltern für dieses Leben!

Bad Bramstedt Dankt den Eltern für dieses Leben!

Azim Fakhri ist 26 Jahre alt. Vor einem Jahr floh er aus Afghanistan, seine Frau und seine Kinder, sechs Jahre und ein halbes Jahr alt, leben noch dort. Er will seine Familie nachholen nach Henstedt-Ulzburg, wo er jetzt lebt. Seinen Kindern will er ersparen, was er selbst durchmachen musste. Unter anderem davon erzählte er Gymnasiasten an der Jürgen-Fuhlendorf-Schule.

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Gymnasiasten der Jürgen-Fuhlendorf-Schule ließen sich von einem jungen Afghanen dessen Flüchtlingsgeschichte erzählen.

Quelle: Jann Roolfs

Bad Bramstedt. Sie fremdelten: Die Elft- und Zwölftklässler, die in Jeans und Kapuzenpullis nach der Mittagspause auf den Stühlen saßen, und der schmächtige Mann mit dem frisch gebügelten weißen Hemd, der sorgfältig gestutzten Frisur und der großen Uhr am Handgelenk. Das lag nicht nur daran, dass die einen aus Deutschland stammen und der andere aus Afghanistan. Irritiert wirkten die Schüler, weil hier jemand etwas von ihnen wollte. Ihre Sicht aufs Leben ändern, ihnen klar machen, wie privilegiert sie sind: „Glaubt ihr nicht, dass das ein Geschenk ist?“ Azim Fakhri, so heißt der Afghane, schlug vor, dass sie, wenn sie später am Tag nach Hause kämen, Vater und Mutter umarmen und ihnen „danke“ sagen.

 Gerechnet hatten die Gymnasiasten wohl mit einem anderen Vortrag. Angekündigt war ein afghanischer Flüchtling, der aus seinem Heimatland berichten sollte. Zwei Kurse in Wirtschaft und Politik saßen dabei, deren aktuelles Thema: „Internationale Politik, internationale Konflikte“. Sie werden auch im Abitur vorkommen. Ob dieser Nachmittag ihnen dabei weiterhalf?

 Fakhri stellte sich als Künstler und IT-Techniker vor und sprach englisch Mit zehn Jahren habe er angefangen zu arbeiten, um zum Unterhalt seiner Familie beizutragen. Aber Fakhri will auch wieder zurück nach Asien: „Afghanistan braucht mich“, er will dort Gedanken und Ansichten verändern.

 In Deutschland will er nicht still sein. „Gott gab mir ein Talent“, darum hält er Vorträge und stellt seine Werke aus. Sonst werde Gott ihn eines Tages fragen, warum er das geschenkte Talent nicht genutzt habe. Fakhri will es nutzen, um in deutschen Köpfen die Sicht aufs Leben zu verändern, und um Straßenkindern in Kabul zu helfen.

 Von diesem Projekt „Street Angels“ handelte sein Vortrag. Er habe fünf Straßenkindern einfache Kameras geschenkt und ihnen deren Benutzung gezeigt; einige Aufnahmen präsentierte er. Er gab damit Einblick in den Alltag in Afghanistan. Das machte er klug, er ließ die Details wirken. Ein Bild von einem kleinen Riesenrad, vielleicht drei Meter hoch und mit vier kleinen Gondeln bestückt, wirkte an sich schon rührend oder ärmlich, je nach Perspektive. Fakhri wies auf den Mann direkt am Riesenrad hin: Seine Arbeit besteht darin, das Riesenrad von Hand zu drehen, für 5 Euro pro Tag.

 Fakhri geht es darum, seine jungen Zuhörer mitzureißen. Immer wieder fordert er auf, Fragen zu stellen, oder fragt seinerseits. Wie sie ihren Geburtstag oder andere Familienfeste feierten zum Beispiel. Aus Afghanistan berichtet er dazu von zwei Extremen. Einerseits wüssten „seine“ Straßenkinder nicht einmal, wann sie Geburtstag haben. Fakhri und Helfer organisierten eine kollektive Feier, von der er ein Video zeigt: „Meint ihr nicht, dass deren Glück unbezahlbar ist?“ Andererseits erzählte er von seiner eigenen Hochzeit, und dieses Detail beeindruckte die Schüler am meisten: 1800 Gäste feierten eine Woche lang. 30000 Dollar kostete das. Auf die Nachfrage, wie Fakhri das bezahlt habe, bekam eine Schülerin allerdings keine direkte Antwort von dem redseligen Mann. Er hätte das Geld für etwas anderes ausgeben können, gab sich Fakhri selbstkritisch, das sei nicht in Ordnung gewesen.

 Daten und Fakten liefert der Afghane kaum. Verstreut in seinem gut anderthalbstündigen Vortrag erwähnte er, dass er schon als Kind aus Afghanistan in den Iran floh, von dort zurückkehrte und jetzt wieder flüchtete. „Politik ist immer das Gleiche: Sie bringen Menschen für irgendetwas um“, lautete sein Fazit. Viel wichtiger war ihm die Botschaft von Frieden und Liebe: „Lernen werdet ihr aus Büchern. Aber verstehen werdet ihr mit Liebe.“

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