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Bei Facebook aufgeflogen

Prozess vor Schöffengericht in Bad Segeberg Bei Facebook aufgeflogen

Soziale Netzwerke gelten als gefährlich für die Privatsphäre. Dass sich mit ihnen aber auch Alibis und faule Ausreden binnen Sekunden pulverisieren lassen, musste am Montag der 23-jährige Angeklagte in einem Raubprozess feststellen. Er brachte sich mit einem Posting auf Facebook an den Rand einer Verhaftung im Gerichtssaal.

Bad Segeberg. Tobias B. steht seit Anfang April mit Marco S. (26) und Mickel M. (22) wegen eines Raubüberfalls auf drei junge Mädchen in der Bad Segeberger Innenstadt vor Gericht. Da alle drei Männer bereits diverse Zusammenstöße mit Recht und Gesetz hatten, sind ihre Chancen auf Milde und Nachsicht ungefähr so groß wie die des HSV auf den Klassenerhalt.

 Gestern um 9 Uhr bei Prozessbeginn waren Richterin Sabine Roggendorf, ihre beiden Schöffinnen, der Staatsanwalt und die drei Verteidiger da – nur von den Angeklagten fehlte an diesem vierten Verhandlungstag jede Spur. Bei Marco S. und Mickel M. war klar, dass sie für ihre Verspätung nicht viel können, denn sie sind terminlich nicht sonderlich flexibel. Der Grund: Sie sitzen in der Justizvollzugsanstalt Neumünster ein und werden jeweils in Handschellen zum Gericht chauffiert. Diesmal stünden sie im Stau, hieß es zunächst.

 Tobias B. allerdings hat selbstständig zu erscheinen. Er ließ jedoch über seine Verteidigerin ausrichten, dass er im Kreißsaal bei seiner hochschwangeren Freundin sitze und nicht kommen könne. Das Amüsement von Richterin Sabine Roggendorf über diese Entwicklung in einem aufwendigen Prozess mit schwierigen Terminabsprachen hielt sich zwar in Grenzen, aber sie zeigte Verständnis. „Ich lasse keinen werdenden Vater im Kreißsaal verhaften.“

 Ein paar Minuten später war dieses Verständnis jedoch gründlich verflogen. Inzwischen war nämlich die Mutter des Angeklagten Marco S. vor dem Gericht einem Taxi entstiegen und hatte von der unerwarteten Verzögerung erfahren. Als sie hörte, dass Tobias B. im Kreißsaal unabkömmlich ist, entgleisten ihr die Gesichtszüge. „Wieso das denn? Das Kind ist gestern oder vorgestern geboren. Hat er längst auf Facebook gepostet.“

 Sabine Roggendorf konfrontierte zunächst einmal die Verteidigerin mit der neuen Information. Die Anwältin schaute betreten, zumal kurz zuvor ein Anruf auf dem Handy des Angeklagten vom Vater der Freundin entgegengenommen worden war und er die Kreißsaal-Version gestützt hatte. Ein kurzer Blick auf Facebook – und schon stand fest, dass das Baby in der Tat schon am Sonnabend kurz nach 22 Uhr geboren worden war und es damit am Montag Vormittag keinerlei Grund gab, noch im Kreißsaal zu hocken.

 Zwischenzeitlich trafen gegen 10.50 Uhr immerhin Marco S. und Mickel M. ein. Im Gefängnis hatte es ein Termin-Kuddelmuddel gegeben, so dass man dort von einem späteren Verhandlungsbeginn ausgegangen war. Doch die Panne war egal, denn schließlich fehlte Tobias B. noch immer. Da eine Schöffin nur bis 12.45 Uhr Zeit hatte, wurde es eng.

 Immerhin gelang es der Richterin, den fehlenden Angeklagten auf dem Handy zu erwischen und dazu zu verdonnern, unverzüglich aus Hamburg anzutraben. Der Beginn des Verhandlungstags war mittlerweile mehrfach verschoben worden. 11.15 Uhr, 11.30 Uhr, 11.45 Uhr. Die Verteidigerin des Mannes kündigte nach einem Rückruf an, ihr Mandant sei „in gut fünf Minuten“ da. Wer weder nach fünf noch zehn Minuten erschien, war der Angeklagte.

 Erneuter Anruf aus dem Gerichtssaal. Diesmal erzählte der Mann, er sitze im Bus und sei bald am ZOB. Die Richterin schickte ihm einen Streifenwagen zum Empfang. „Um ihm den Ernst der Lage zu verdeutlichen.“ Damit sie den Gesuchten auch erkennen, wurden den Polizisten „die „relativ auffällige Form der Ohren“ mit auf den Weg gegeben. Man traf sich trotzdem nicht. Nach einem letzten Anruf schlenderte Tobias B. um 12.43 Uhr in den Saal. „Laufschritt sieht anders aus“, sagte die Richterin knapp und eröffnete für fünf Minuten die Verhandlung. Es wurde eine weitere Anklage gegen den Mann verlesen (geklaute Zigaretten bei Penny), dann war auch schon Schluss. Ein Zeuge wurde nach dreieinhalbstündigem Warten nach Hause geschickt.

 Den Antrag der Staatsanwaltschaft, den unter Bewährung stehenden Tobias B. an Ort und Stelle zu verhaften und beim nächsten Termin am 2. Juni vorzuführen, schob das Schöffengericht „unter erheblichen Bedenken“ auf. Da der junge Mann erklärt, er habe in der Anwaltskanzlei gesagt, er wolle „ins Krankenhaus“ und nicht „in den Kreißsaal“, soll nun die Sekretärin der Verteidigerin gehört werden, wie der Wortlaut genau war. „Ihre Anwältin lügt mich nicht an“, sagte Sabine Roggendorf. „Damit würde sie ihren Job riskieren.“ Und an die Adresse des beharrlich leugnenden Angeklagten: „Das ist selbstgemachtes Elend bei Ihnen! Eine einzige Nummer noch...“

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