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Es droht der Hausarztmangel

Bad Bramstedt Es droht der Hausarztmangel

Traumberuf Hausarzt? Weit gefehlt. In Bad Bramstedt könnte bald ein Versorgungsmangel herrschen. Hausärzte, die in den Ruhestand gehen, finden kaum noch Nachfolger.

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Auch Dr. Jens Alnor, Hausarzt in Bad Bramstedt will bald in Rente gehen. "Ich will ja noch etwas vom Leben haben".

Quelle: Sylvana Lublow

Bad Bramstedt. Bürgermeister Hans-Jürgen Kütbach hat seit April keinen Hausarzt mehr. Und da ist er nicht der einzige Bad Bramstedter. Der Hausarzt und Internist Dr. Michael Salm ist im Alter von 75 Jahren in den Ruhestand getreten, einer seiner Patienten war auch Kütbach. Nun steht Dr. Salms Praxis im Landweg seit dem 1. April leer. Seine Bemühungen, einen Nachfolger zu finden, schlugen fehl. Ein Problem, das in naher Zukunft ausufern könnte. Denn viele der 13 Hausarztpraxen in Bad Bramstedt stehen altersbedingt kurz vor der Schließung.

Im Moment sieht es nach Aussagen der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein (KV) im „Mittelbereich Neumünster“ zu dem Bad Bramstedt gehört, mit der Hausärzteversorgung recht gut aus. „Es herrscht eine Versorgung von 110,8 Prozent, das heißt, es gibt derzeit 125,5 Hausarztstellen“, sagt Marco Dethlefsen, Pressesprecher der KV, die für die Sicherstellung der ambulanten ärztlichen und psychotherapeutischen Versorgung zuständig ist.

Ab 75 Prozent Versorgung herrscht offiziell Mangel

Ist eine Versorgung von 110 Prozent erreicht, wird der Bereich für weitere Hausärzte gesperrt. „Ein echter Mangel herrscht erst ab 75 Prozent“, so Dethlefsen. Die Krux daran ist aber, dass der Mittelbereich Neumünster recht groß ist und es den Hausärzten völlig selbst überlassen ist, wo sie sich in dem Bereich niederlassen. Es könnten sich also auch alle Ärzte für Neumünster als Praxisstandort entscheiden, die Versorgung wäre laut KV trotzdem gewährleistet. Kommunen wie Eckernförde, Plön, Bordesholm, Rickling oder auch Bad Bramstedt, die alle zu dem Mittelzentrum zählen, hätten dann keinen lokal ansässigen Hausarzt mehr. Kleine Gemeinden sind ohnehin schon lange nicht mehr gefragt unter den jungen Allgemeinmedizinern. Das nennt man „Niederlassungsfreiheit“, einen Versorgungsgrad für einzelne Städte gibt es laut KV nicht.

Dass sich die Lage zuspitzt, ist auch Dr. Jens Alnor, praktizierender Hausarzt in Bad Bramstedt, klar. „Es wir eng! Ich bin 63 Jahre alt und einer der jüngsten Hausärzte hier“, sagt er. Dass sich kaum noch Nachfolger finden, ist für den Arzt nichts Neues und nachvollziehbar: „Als Hausarzt verdient man wenig im Vergleich zu Fachärzten, wie zum Beispiel Urologen, Radiologen oder Kardiologen.“ 50 Euro bekomme er für einen Patienten pro Quartal. „Das kann man nur auffangen mit einer großen Praxis“, ist sich Alnor sicher. Das zweite Problem, das er sieht, ist die „Feminisierung der Medizin“. Mehr Frauen als Männer studieren mittlerweile Medizin. Und sie bekommen Kinder. „Deshalb wollen sie lieber nur halbtags arbeiten. Das geht aber nicht mit einer Hausarztpraxis“, weiß der Mediziner aus 30 Jahren Erfahrung. Zusätzlich leiden Hausärzte unter dem Druck der Krankenkassen. „Ich musste schon Strafe zahlen, weil ich zu oft Krankengymnastik verschrieben habe.“

Kassenärztliche Vereinigung macht immer wieder Werbung

Diese Probleme kennt auch die KV schon seit einigen Jahren und wirbt immer wieder für den Beruf des Haus- beziehungsweise Landarztes. Gibt es irgendwo eine Unterversorgung, sind der Vereinigung trotz Sicherstellungsauftrag oft die Hände gebunden. „Wir haben keinen Pool an Ärzten, und wenn wir keine Ärzte haben, können wir auch nichts machen“, sagt Dethlefsen. Trotzdem sehe er die KV aber auch die betroffenen Gemeinden in der Pflicht. „Werbung machen und Stellen ausschreiben“, mehr kann die KV nicht leisten. Die Gemeinden hingegen könnten mit attraktiven Angeboten locken. So gibt es beispielsweise das „Modell Büsum“. Das beinhaltet, dass die Gemeinde die Hausärzte anstellt und bezahlt. Doch nicht jede Gemeinde kann und will sich zu diesem Schritt entschließen. Die Stadt Kaltenkirchen, die ähnliche Probleme hat wie Bad Bramstedt, hat sich erst kürzlich gegen dieses Modell entschieden.

„Ich sehe den Handlungsbedarf“, sagt auch Bürgermeister Kütbach. In der kommenden Sozialausschusssitzung soll über das Thema Hausärzteversorgung gesprochen werden. „Die Kapazitätsgrenze ist bei einigen unserer Hausärzte schon erreicht, neue Patienten werden nicht mehr gerne aufgenommen“, so Kütbach. Obwohl die Überlegungen erst am Anfang stehen, nennt er zwei Ansätze, die verfolgt werden könnten: „Wir müssen es den Ärzten hier attraktiver gestalten und zum Beispiel Starthilfen geben.“ Außerdem könne auch darüber nachgedacht werden, das Klinikum Bad Bramstedt mit ins „Versorgungsboot“ zu holen. „Möglicherweise geht in dem Bereich etwas.“ Immerhin ist die Stadt Gesellschafter des Klinikums.

Freude am Beruf trotz aller Probleme

Dr. Alnor, der sich außerdem auch auf Geriatrie und Palliativmedizin spezialisiert hat, wird noch ein paar Jahre als Hausarzt praktizieren. „Aber nicht bis ich 75 bin“, er wolle ja auch noch was vom Leben haben. Einer seiner vier Söhne studiert derzeit Medizin. Die väterliche Praxis werde er aber wahrscheinlich nicht übernehmen, ihm liege eher die Radiologie. „Mir macht der Beruf Hausarzt viel Spaß und ich würde es immer wieder machen“, sagt Dr. Alnor, allen Widrigkeiten zum Trotz.

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