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Jeder bringt „seine“ Flüchtlinge mit

Bad Bramstedt Jeder bringt „seine“ Flüchtlinge mit

„Interkultureller Nachmittag“. Eine bessere Bezeichnung sei ihnen nicht eingefallen, erzählt Marie Kluthe, Mitglied des freiwilligen Organisationsteams. Alle zwei bis drei Wochen lädt sie ehrenamtliche Betreuer zum Treffen ein, die bringen dann „ihre“ Flüchtlinge mit.

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Helmut Schiffler (rechts) und Fazl Ahmad Esmailzadeh bei einer spannenden Partie Mühle.

Quelle: Jann Roolfs

Bad Bramstedt. Eine ganze Zeit lang sitzt der Mann mit Glatze und Pullunder in der Ecke und beschäftigt sich mit seinem Handy, während vor ihm ein gutes Dutzend Leute im Untergeschoss des katholischen Gemeindehauses tanzt. In einer Musikpause steht er auf, geht zur kleinen Anlage und schließt sein Smartphone an: Neue Musik erklingt. Ein schmächtiger junger Mann mit schwarzer Haut und grauem Kapuzenpullover ruft begeistert: „Afrika!“ Er springt auf und lässt die Beine wild zucken. Bei dieser Runde macht auch der stumme Mann im Pullunder mit, er fordert Tanztherapeutin Melanie Nowak zum Paartanz auf.

 Vor allem drei junge Männer aus Eritrea genießen die Musik. Der mit dem grauen Kapuzenpullover bewegt seinen Körper mit besonderer Raffinesse. Er ist Musiker, erzählt er später, und zeigt auf seinem Smartphone ein Video, das ihn in einem vollen Frankfurter Saal an einem E-Piano zeigt. Seine deutsche Betreuerin, eine temperamentvolle Frau mit Ringelpullover und weißen Haar, kommt dazu und erzählt, dass sein größter Wunsch ein eigenes Keyboard sei.

 

 Diesmal sind mehr als 50 Flüchtlinge und Betreuer gekommen. Auf dem Plan stehen Singen, Tanzen und Gesellschaftsspiele, Kaffee und Kekse sind jedes Mal dabei. Stimmengewirr liegt über dem Raum, Grüppchen klönen, Bekannte begrüßen sich. Viele Flüchtlinge behalten auch im warmen Raum ihre dicken Jacken an. Die Verständigung zwischen Deutschen und Syrern, Irakern, Afghanen und Eritreern passiert oft radebrechend, aber sie funktioniert. Beim vorigen Treff erläuterte ein Anwalt vor rund 100 Besuchern die Grundrechte in Deutschland, erzählt Kluthe. Sie habe seinen Vortrag ins Englische übersetzt, ihre Version wurde dann von weiteren Dolmetschern ins Arabische und ins Persische übertragen.

 Heute gibt es keine komplizierte Materie. Ulrich Kinder hat seine Gitarre mitgebracht und Textzettel verteilt, Marie Kluthe begrüßt auf Deutsch und Englisch und verstolpert sich beim Französischen ins Gelächter: „On va singen“, die korrekte Vokabel fällt ihr nicht ein.

 Der Gospel: „He’s Got The Whole World“ klappt noch einigermaßen. Bei „Der Winter ist ein rechter Mann“ bleibt Ulrich Kinder allein und bricht nach dem ersten Vers ab: Das Lied kennt hier offenbar niemand. Melanie Nowak, selbstständige Tanztherapeutin in Bad Bramstedt, ruft zum Tanzen ins Untergeschoss, einige folgen ihr.

 Helmut Schiffler bleibt sitzen, er spielt an der langen Tafel eine Partie Mühle mit Fazl Ahmad Esmailzadeh. Rentner Schiffler lebt seit einem Jahr in Bad Bramstedt, zum interkulturellen Nachmittag kommt er regelmäßig. Und seit ein paar Tagen betreut er gemeinsam mit seiner Frau Helga die afghanische Familie Esmailzadeh. Außer dem Mann am Tisch gehören dazu ein 8-jähriger Sohn und eine 17-jährige Tochter. Seit drei Jahren leben sie in Deutschland, sie warten auf den Ausgang ihres Asylverfahrens.

 Schiffler beschreibt die Situation der Flüchtlinge in Deutschland bildhaft so: „Als wenn Sie in Peking ein Konto eröffnen möchten: Sie können nichts lesen und nichts verstehen.“ Das Engagement als Betreuer mache Spaß, erzählt er.

 An einem anderen Tisch spielt eine Frau mit einem Kind Wackel-Labyrinth. Um die andere Stirnseite hat sich eine Runde aus sechs jungen Männern und einer jungen Frau gebildet, sie amüsieren sich bei „Mensch ärgere Dich nicht“.

 Der interkulturelle Nachmittag finanziert sich durch Spenden. Die katholische Gemeinde stellt ihre Räume zur Verfügung. Ein bis zwei Mal pro Monat trifft sich ein Arbeitskreis, dort werden die Ideen für die Treffen gesammelt. „Bisher ging’s immer“, gibt sich Marie Kluthe unverwüstlich optimistisch, was die Organisation und die nötigen Helfer angeht. Kluthes Zwischenfazit nach mehreren Hundert angekommenen Flüchtlingen: „In den ländlichen Gebieten läuft es sehr gut, dort sind die Menschen offen.“ Es entstünden gar nicht erst anonyme Massen wie in Großstädten.

 Am 18. Juni 2015 fand der erste Nachmittag statt, für April plant die Gruppe ein Frühlingsfest mit internationalen Gerichten. Sprache und Integration fördern, Vorurteile abbauen und Austausch der Kulturen sind die Ziele der gemeinsamen Nachmittage.

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