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Kennenlernen unter Gleichaltrigen

Bad Bramstedt Kennenlernen unter Gleichaltrigen

So funktioniert Integration am besten: Schüler laden Gleichaltrige ein, spielen und lesen mit ihnen. Die Jürgen-Fuhlendorf-Schule betreibt seit den Herbstferien 2015 ein Flüchtlingscafé – und das erfreut sich zunehmender Beliebtheit.

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Immer mittwochs um 16 Uhr treffen sich rund 20 Gymnasiasten und 30 Flüchtlinge in der Mensa der Jürgen-Fuhlendorf-Schule.

Quelle: Einar Behn

Bad Bramstedt. Abiturient Pierre Hüseler erzählt, wie es dazu kam: „Die Schülervertretung hatte im letzten Jahr die AG ‚Schule gegen Rassismus’ gegründet und ein interkulturelles Fest in der JFS gefeiert.“ Daraus sei die Idee entstanden, Kontakt zu den in Bad Bramstedt lebenden Flüchtlingen aufzunehmen. „Beim ersten Treffen blieben wir Schüler unter uns“, erinnert sich der 18-Jährige. Daraufhin habe die Gruppe einen Flyer entworfen und ihn in arabisch übersetzen lassen. Hilfreich war dabei Dorothea Gräbel (63), die in Bad Bramstedt mehrere Flüchtlinge betreut. Sie hatte längere Zeit in Saudi-Arabien gelebt, wo sie die Sprache lernte. Auch zum Flüchtlingscafé in die JFS kommt sie nun regelmäßig und hilft bei der Verständigung.

 Den Flyer verteilten die Schüler in den Flüchtlingswohnungen, die Adressen hatten sie von der Stadt bekommen. Die Idee zündete. Mittwochs ab 16 Uhr kommen rund 30 Flüchtlinge in die Mensa der Jürgen-Fuhlendorf-Schule. Dort lesen sie beispielsweise mit Hilfe von deutschen Schülern das Buch „Ein blinder Passagier“, vom Duden-Verlag eigentlich fürs zweite Schuljahr herausgegeben. Solch einfache Lektüre verstehen schon einige der jungen Flüchtlinge. Khaled Saei ist einer davon. Der 19-Jährige stammt aus Damaskus. Seit vier Monaten lebt er in Bad Bramstedt. Eine Unterhaltung auf Deutsch ist mit ihm bereits möglich. „Wirklich erstaunlich, wie schnell die Syrer die Sprache lernen“, findet auch Pierre.

 Manche, die schon besser Deutsch können, bringen auch kurze selbst geschriebene Texte mit. „Wir besprechen sie dann mit den Flüchtlingen, machen sie auf Fehler aufmerksam und Verbesserungsvorschläge“, erzählt Pierre. In einem solchen Text beschrieb ein junger Syrer die Deutschen: „Sie essen drei Mahlzeiten, trinken ganz viel Kaffee und sitzen gerne beisammen.“

 An einem anderen Tisch wird Memory gespielt. „Das ist ein Flugzeug“, beschreibt eine Gymnasiasten die aufgenommene Karte. „Und ein Pilot fliegt ein Flugzeug“, sagt sie und breitet dabei die Arme zu Flügeln aus. Der junge Mann gegenüber nickt, er hat es verstanden.

 Rund 20 Gymnasiasten betreuen das Flüchtlingscafé, vom neunten Schuljahr aufwärts. Sie bringen Kekse und Kuchen mit. Ein bisschen Spendengeld ist noch vom letzten Weihnachtssingen übrig geblieben, von dem nun der Kaffee bezahlt wird. Die meist männlichen Flüchtlinge, die zum Treffpunkt in die Schule kommen, sind kaum älter als die Gymnasiasten. Einige Minderjährige sind darunter, viele sind Anfang 20, wenige auch schon 30. Und die weitaus überwiegende Zahl ist vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen.

 „Manchmal kommen auch Frauen aus Eritrea“, erzählt Pierre Hüseler. Doch der Kontakt mit ihnen sei schwierig. „Wenn sie kommen, dann immer nur in einer Gruppe“, hat auch Schulleiter Dr. Holger Oertel beobachtet. „Sie trauen sich wohl nicht so richtig“, vermutet er. Oertel findet das Flüchtlingscafé eine hervorragende Einrichtung. „Die jungen Leute kommunizieren auf einer Ebene, sie verstehen sich einfach.“ So werden die Flüchtlinge am schnellsten integriert, meint er.

 Das Bad Bramstedter Gymnasium bietet zudem täglich nachmittags eine Stunde Sprachunterricht für Flüchtlinge jeden Alters an. „Wir konnten dafür pensionierte Lehrer gewinnen“, berichtet Oertel. Auch dieses Angebot ist eine Eigeninitiative der Schule, ohne behördlichen Auftrag.

 Der Syrer Khaled ist sichtlich froh, im Flüchtlingscafé Gleichaltrige gefunden zu haben. Er lebt in einem von der Stadt gemieteten Haus im Bad Bramstedter Ortsteil Bissenmoor mit neun anderen Flüchtlingen. Die deutsche Sprache zu lernen, sei zwar schwer, sagt er, aber niemand in der Runde hat Zweifel, dass er sie schon bald fließend sprechen wird. Zuhause hatte Khaled ein Semester Jura studiert, dann flüchtete er vor dem Bürgerkriegschaos. Sein Wunsch ist es, in Deutschland weiter studieren zu können. Doch noch wartet er, wie die meisten Besucher des Flüchtlingscafés, auf seine Anerkennung als Asylant. Seine beiden Schwestern sind schon vor ihm nach Deutschland geflohen. Sie wohnen in München. Aber als Khaled im Oktober mit dem großen Flüchtlingsstrom kam, haben die deutschen Behörden ihn in den Norden geschickt.

 Dolmetscherin Dorothea Gräbel kümmert sich hier um den jungen Mann. „Es wäre schön, wenn Khaled eine Familie fände, die ein Zimmer für ihn frei hat“, sagt sie. Außerdem wisse sie von einer Reihe weiterer unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge in Bad Bramstedt und Umgebung, für die die Aufnahme in eine deutsche Familie ebenfalls sehr wünschenswert sei.

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