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"Nein" hat bei ihr noch niemand gesagt

Bad Bramstedt "Nein" hat bei ihr noch niemand gesagt

„Sie dürfen die Braut jetzt küssen“ – wie oft Lili Schreiber diesen Satz schon gesagt hat, kann sie nicht mehr zählen. Seit ihrem 28. Lebensjahr traut sie in Bad Bramstedt Brautpaare. Jetzt geht sie in den Ruhestand.

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Lili Schreiber (Mitte) hatte gestern ihren letzten Arbeitstag. Der stellvertretende Bürgermeister Burkhard Müller (von links), Personalrat Holger Mielke, Ordnungsamt Michael Bastian und Standesbeamtin Daniela Ritter verabschiedeten sie mit reichlich Geschenken.

Quelle: Sylvana Lublow

Bad Bramstedt. Um Paare zu verheiraten, musste man damals mindestens 28 jahre alt sein, erst da erhielt man die „sittliche Reife“. Lili Schreiber hat ihre Ausbildung in der Stadtverwaltung Bad Bramstedt 1969 begonnen und ist geblieben. Knapp 48 Jahre lang.

Zunächst im Meldeamt tätig, wurde Schreiber 1976 zur Standesbeamtin bestellt, verheiratet hat sie Paare damals zunächst nur in Vertretung. Trotz der vielen Jahre im Job, sei es nie Routine gewesen. „Jede Trauung ist anders“, sagt Schreiber. Und : „Ich bin noch heute teilweise aufgeregt vor einer Eheschließung, vor allem wenn ich die Leute kenne. Da ist die Erwartung groß.“

Während der langen Zeit als Standesbeamtin hat Lili Schreiber ein Blick für Ehepaare bekommen. „Ich kann schon im Vorgespräch abschätzen, ob die Ehe halten wird oder nicht“, sagt sie: „Viele Paare wissen überhaupt nichts voneinander, das kann dann nichts werden“, ist ihre Erfahrung. Die hohe Scheidungsrate gibt ihr Recht. „Wir bekommen hier im Standesamt auch Rücklauf über die Scheidungen.“ Zahlen will sie nicht nennen, aber: „Es kommt häufig vor.“ Einige Menschen hat sie auch zwei oder drei Mal verheiratet.

Bis Ende der 1990er-Jahre gab es in Bad Bramstedt oft mehr als 100 Eheschließungen pro Jahr. „Das ist rückläufig“, sagt Schreiber. Heute sind es nur noch zwischen 60 und 70 Trauungen. „Seit 1998 können auch nicht-eheliche Väter das Sorgerecht erhalten“, nennt die 63-Jährige den Grund für den Rückgang. Was die Namensregelung betrifft, scheinen die Bad Bramstedter noch sehr traditionell zu sein: „In den meisten Fällen übernehmen die Frauen den Nachnamen des Mannes.“

Kurioses hat es zwischendurch natürlich auch gegeben. „Eine Braut lief während der Trauung raus, weil ihr schlecht wurde und ein mal kippte ein Kind um“, erinnert sich Schreiber. Seitdem habe sie immer Wasser auf dem Tisch stehen. Zwar gab es Fälle, in denen die Paare erst gar nicht zum Hochzeitstermin erschienen sind, aber: „Nein hat noch niemand gesagt.“ Dafür aber Schreiber, zumindest fast: „Vor etwa sechs Wochen hatte ich eine Anmeldung zur Eheschließung, da war die Frau total alkoholisiert“, erzählt sie: „Da musste ich ihnen sagen, dass sie nicht getraut werden, wenn sie so wiederkommen.“ Und noch etwas ist ihr in ihrem Beruf aufgefallen: „Viele Frauen sind während der Trauung hochschwanger.“

Lili Schreiber wird ihren Ruhestand genießen, auch wenn es für sie eine Umstellung sein wird. Ihr offizieller letzter Arbeitstag ist der 30. Juni, doch zuvor wird sie Überstunden und Urlaubstage abbummeln. „Erstmal geht es zur Erholung nach Dänemark.“ Für ihre Kollegen in der Stadtverwaltung hatte sie zum Abschied sechs Kuchen gebacken.

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