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Noch immer manches Hindernis

Bad Bramstedt Noch immer manches Hindernis

Die Lebenshilfe hatte die Frage gestellt: „Wie barrierefrei ist Bad Bramstedt?“ Das – nicht repräsentative – Ergebnis: Die Stadt hat Ecken, die mit Rollstuhl, Rollator, für Seh- oder Hörbehinderte gut zu erreichen sind, aber es gibt auch noch eine Menge Nachholbedarf.

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Der Weg zur Polizei endet für Rollstuhlfahrer an der Treppe: Diese Szene stammt aus einem Film der Lebenshilfe.

Quelle: Jann Roolfs

Bad Bramstedt. Michael Deutschmann hat es ausprobiert: Das Mitglied der Lebenshilfe hat sich in einen Rollstuhl gesetzt und ist durch Bad Bramstedt gefahren. Eine Kamera an seinem Gefährt zeichnete auf, wie es ihm dabei erging: Geldautomaten blieben unerreichbar, den Weg zur Polizei blockierte eine Treppe, schwergängige Türen ließen sich nicht öffnen. Den Film, der dabei entstand, sahen am Dienstagabend knapp 50 Zuschauer im Kaisersaal.

 Ralf Müller hatte sich mit dem Nahverkehr beschäftigt. Die neuen Züge der AKN sind barrierefrei, der Bahnhof ebenfalls, lobte Müller; aber leider gibt es in den neuen Wagen keine Toiletten und man weiß vorher nicht, ob eine Bahn alter oder neuer Bauart in den Bahnhof fährt.

 Abgesenkte Bordsteinkanten, Rampen an Treppen, breite Türen, das sind die populären Maßnahmen, die unter „barrierefrei“ verstanden werden. Aber das ist beileibe nicht alles: Wie können sich Seh- oder Hörbehinderte orientieren, wo finden sie Informationen? Das fängt schon bei so einfachen Sachen wie einer Speisekarte an: viel Schrift und wenige Bilder, das stellt nicht nur Behinderte vor Probleme, sondern auch Legastheniker oder Menschen, die nicht gut deutsch sprechen beziehungsweise lesen.

 Die Zuschauer und -hörer sollten sich in die Lage betroffener Menschen versetzen, forderte Brigitte Fürböter ihr Publikum auf. Fürböter hatte das Projekt für die Lebenshilfe geleitet und dabei bewusst darauf verzichtet, eine Statistik zu erstellen oder einen Forderungskatalog zu formulieren. Ihr war der Perspektivwechsel wichtig: Schließlich kann jeder schnell auf Hilfen angewiesen sein, wie zum Beispiel Karsten, der nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt ist und mit seinem Dreirad eine Fahrt durch Bad Bramstedt als Beispiel beisteuerte.

 Kooperationspartner der Lebenshilfe war bei dem Vorhaben das Förderzentrum Bramau-Schule. Dort hatten Sechst- und Siebtklässler ein Hörspiel und ein Gedicht verfasst und ihre Schule untersucht. Das Ergebnis hatte auch Lehrer Volker Bielenberg überrascht, der es präsentierte: Türen und manche Klassenräume sind zwar rollstuhlgerecht ausgelegt, aber die behindertengerechte Toilette musste dem Team erst der Hausmeister zeigen. Das Untergeschoss der Schule ist per Rollstuhl nur über die benachbarte Grundschule zu erreichen, das Obergeschoss gar nicht.

 Im Hintergrund des Bad Bramstedter Projekts steht das Jahr der Barrierefreiheit, ausgerufen von der Aktion Mensch. Über eine Spendenlotterie sammelt die Aktion seit gut 50 Jahren Geld, von dem viel an Behindertenorganisationen fließt. Zahlreiche Städte werden in diesem Jahr von Betroffenen auf ihre Zugänglichkeit untersucht, die Ergebnisse fallen sehr durchwachsen aus, erläuterte Bärbel Brüning, Geschäftsführerin der Lebenshilfe Schleswig-Holstein. Während beispielsweise Flensburg recht gut abschnitt, bekamen Großstädte wie Berlin oder Köln schlechtere Noten.

 Beim Aktionstag der Lebenshilfe waren auch viele Lokalpolitiker verschiedener Parteien dabei, die dafür zuständig sind, die Stadt barrierefrei zu machen; darunter Bürgermeister Hans-Jürgen Kütbach und Bürgervorsteherin Annegret Mißfeldt. Dass die Stadtvertreter sich manchmal schwer tun, erläuterte Manfred Spies, Schirmherr des Lebenshilfe-Projekts und Vorsitzender des städtischen Sozialausschusses. Der Sozialdemokrat erinnerte an die langen Diskussionen ums Geld und die vielen Mühen, bis im Schloss ein Treppenlift ins Obergeschoss eingebaut war. Dass es ihn jetzt gibt, wertete Spies als wertvollen Beitrag Bad Bramstedts zur Barrierefreiheit.

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