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Wenn die Flucht auf der Seele liegt

Bad Bramstedt Wenn die Flucht auf der Seele liegt

„Kaum jemand kann sich auf seine Arbeit konzentrieren, wenn ihm gerade etwas Schreckliches passiert ist“, sagt Marieke Rose-van Dijk. Die Bad Bramstedterin ist psychologischer Coach für gestresste Geschäftsleute und Menschen mit Traumata. Ihre Behandlungsmethoden bietet sie auch kostenlos Flüchtlingen an.

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Marieke Rose-van Dijk wendet die Wingwave-Methode bei Flüchtlingen an, die unter schweren Traumata leiden.

Quelle: Sylvana Lublow

Bad Bramstedt. Als Ehrenamtlerin gibt sie seit Oktober ein Mal in der Woche einen Deutschkurs und kennt dadurch viele der Betreuer, die sich persönlich um die Flüchtlinge kümmern. „Ich habe meine psychologische Hilfe angeboten, weil ich mir vorstellen kann, dass viele Flüchtlinge traumatische Erlebnisse hinter sich haben“, sagt von Dijk.

 Dieses Angebot wurde gerne angenommen. Vier Flüchtlinge behandelt Marieke Rose-van Dijk bislang, die sie nicht Patienten, sondern Klienten nennt, da sie kein Therapeut, sondern Coach ist. Da gibt es zum Beispiel einen Mann aus Somalia, der an Depressionen leidet, und einen Syrer, der nicht weiß, wohin mit seinen Aggressionen „Er traut sich nicht mehr unter Menschen, weil er Angst davor hat auszuflippen“, erklärt van Dijk. Auch eine junge Frau mit Essstörungen gehört zu ihren Klienten. „Sie ist aus privaten Gründen geflüchtet, aus Angst vor ihrem Vater. Sie hat ständig abgenommen und stressbedingten Durchfall.“ Nach vier Sitzungen bei Marieke Rose-van Dijk hatte die Frau, deren Herkunftsland aus Vorsicht nicht genannt werden soll, schon fünf Kilogramm zugenommen. „Sie hat auch wieder richtig gestrahlt“, erzählt van Dijk. Ihre Methode zur Traumabehandlung nennt sich „Wingwave“ und arbeitet unter anderem mit schnellen Augenbewegungen, zu denen der Coach die Teilnehmer animiert. Dieses Verfahren gehe nicht in die Tiefe, sondern sorge vor allem für eine Neutralisierung der negativen Gefühle im Schnellverfahren, erläutert van Dijk: „Wie eine Art Erste Hilfe für die Psyche.“

 Diese Hilfe hat auch Munzr (Name von der Redaktion geändert) in Anspruch genommen. Der 19-jährige Syrer ist van Dijks jüngster Klient und möchte anonym bleiben. „Ich habe einen enormen Druck empfunden, mir ständig Gedanken um die Zukunft gemacht, und ich hatte Angst um meine Familie“, lässt Munzr von seiner Betreuerin Dorothea Gräber übersetzen, die fließend arabisch spricht. Sein Deutsch ist noch sehr holprig. „Ich kam aus diesem Gedankenkreis nicht mehr raus und merkte auch, dass irgendetwas mit mir nicht stimmt.“ Die Auswirkungen waren unter anderem Schlafstörungen. Marieke Rose-van Dijk konnte helfen. „Schon nach der ersten Sitzung habe ich gemerkt, dass sich etwas geändert hat. Ich bin sehr dankbar für diese Behandlung“, sagt Munzr. Nach mittlerweile drei Therapiesitzungen fühle er sich erleichtert. „Er war vorher sehr verhalten und ist jetzt schon viel offener geworden“, bemerkte auch seine Betreuerin.

 Der junge Syrer lebt seit sieben Monaten in Bad Bramstedt. Er kommt aus der Stadt Hama. Die Geschichte seiner Flucht klingt wie ein Thriller. Gemeinsam mit seinem älteren Bruder, der in Hof in Bayern gelandet ist, machte er sich vor etwa drei Jahren auf den Weg. Die Reise dauerte anderthalb bis zwei Jahre, genau wisse er das nicht mehr. Die erste Station war der Libanon, dann ging es nach Ägypten und von dort aus in die Türkei. Da haben Munzr und sein Bruder etwas arbeiten können, um die Fluchtkasse aufzufüllen. Ihr Ziel war Deutschland. Also machten sie sich nachts mit einem Schiff auf den Weg nach Griechenland. „Das Boot sank mitten auf dem Meer. Wir hatten solche Angst, konnten nichts sehen und wussten nicht, wohin wir schwimmen sollten“, erzählt Munzr. „Man kann sich nicht vorstellen, wie schlimm das war. Wir hörten die Stimmen von Frauen und Kindern und versuchten zu helfen, aber wir haben nichts gesehen.“ Nach etwa einer Stunde wurden sie von einer griechischen Patrouille aufgegriffen und gerettet. Danach blieben die Brüder zehn Tage lang in Griechenland, machten sich dann auf über Mazedonien und Serbien nach Ungarn.

 Weil die Syrer nicht in das „Dublin-Verfahren“ kommen wollten, sich also nicht in Ungarn, sondern erst an ihrem Zielort Deutschland registrieren lassen wollten, nutzten sie Schlepper, um voran zu kommen. Ein Lastwagen setzte sie an einem Wald in der Nähe von Budapest ab. „Wir waren eine Gruppe von etwa 30 Menschen. Als wir die Polizei sahen, sind wir in den Wald geflohen. Dort sind wir Tag und Nacht gelaufen. Zehn von uns haben sich irgendwann der Polizei gestellt, weil sie den Hunger und den Durst nicht mehr ertragen konnten“, berichtet der 19-Jährige. Doch irgendwann wurden sie dann doch von einer Polizeistreife zu Pferd aufgegriffen – und wurden ins Gefängnis gebracht. Irgendwie haben er und sein Bruder es dann doch nach Deutschland geschafft: mit einem Schlepper-Großtaxi. „Wir waren zu viert. Jeder von uns musste den Schleppern 500 Dollar zahlen. Mehr hatten wir auch nicht. Als wir in Deutschland ankamen, war das Geld alle.“ 2000 Dollar hatte Munzr für die Flucht dabei. „Meine Eltern und meine Familie haben das Geld für uns zusammengekratzt.“

 Angst, Verfolgung, Hunger, körperliche Strapazen – all das nehmen die Menschen auf sich, um vor Krieg und Elend zu fliehen. „Wir sind nur geflohen, weil es die letzte Möglichkeit war, die wir gesehen haben. In Syrien wird man entweder erschossen oder man verhungert“, erklärt Munzr mit drastischen Worten. Auch seine Heimatstadt Hama sei beschossen worden: „Es flogen Bomben, aber wir wussten nicht, wer sie abgefeuert hat.“

 „Multiple Traumata, ganz klar, bei all dem, was er erlebt hat“, sagt Marieke Rose-van Dijk. Diese nicht schwer zu stellende Diagnose treffe auf die meisten Flüchtlinge zu. Deshalb wünscht sich die Bad Bramstedterin eine bessere psychologische Betreuung für die Flüchtlinge. „Es wäre toll, wenn sich einige Psychologen Zeit nehmen würden, um ihnen zu helfen.“ Ehrenamtlich, versteht sich. Denn bislang werden nur Schmerztherapien genehmigt. „Das ist ein Unding“, sagt Betreuerin Dorothea Gäbler. Einer ihrer zehn Flüchtlinge, die sie persönlich betreut, bräuchte zum Beispiel dringend eine zahnärztliche Behandlung, weil ihm ein Zahn quer in den Gaumen gewachsen ist. „Allein dafür sitze ich einen halben Tag am Telefon, um das genehmigt zu bekommen.“

 Munzr geht es Dank der Hilfe der beiden Frauen jetzt besser. Und er hat einen weiteren Grund, sich zu freuen: Seit dieser Woche hat er den Status „anerkannter Asylant“. Er möchte gerne ein Studium im IT-Bereich absolvieren. In Syrien hatte er vor seiner Flucht das Abitur gemacht und einige Computer-Kurse belegt. „Ich hoffe, dass ich hier ein gesundes und normales Leben führen kann und keine schrecklichen Dinge mehr erleben muss. Das wünsche ich mir auch für alle anderen Flüchtlinge.“

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