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Turm-Spitze wehrte sich tapfer

Bad Segeberg Turm-Spitze wehrte sich tapfer

Der historische Wasserturm, der seit 1997 als Wohnhaus genutzt wird, bekommt ein neues Dach. Dafür rückte ein Spezialkran an. Allein das Abmontieren der alten Kupferspitze entpuppte sich für die Dachdecker als fast vierstündiger Kraftakt.

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Dacherneuerung am alten Wasserturm von Bad Segeberg. Dem Gebäude, das seit 1997 als Wohnhaus genutzt wird, musste die Kupferspitze abgenommen werden.

Quelle: Sönke Ehlers

Bad Segeberg. Seit sage und schreibe 66 Jahren ist Hans Meusel nun schon als selbstständiger Unternehmer im Geschäft – aber solch einen Auftrag hat seine Firma noch nie zu erledigen gehabt. Und so saß der Seniorchef aus Gelting gestern mit Ehefrau Elisabeth am Fuße des Wasserturms und schaute zu, wie Enkel Christian in luftigen 35 Metern Höhe auf dem Dach des Wasserturms arbeitete.

 Rapunzel kann sich glücklich schätzen: In Märchen regnet es nie rein – bei Familie Harksen schon. So ziemlich alles hat Wolfgang Harksen nach dem Kauf des ehemals städtischen Gebäudes im April 1997 in Schuss bringen lassen – nur das Dach war seinerzeit noch in Ordnung gewesen. Etliche Unwetter und Blitzschläge später ist das Dach nun jedoch fällig; und auch die Fugen im Mauerwerk werden bei dieser Gelegenheit gleich erneuert. Insgesamt lässt sich Harksen die Auffrischung seines runden Zuhauses um die 70000 Euro kosten.

 Für die Handwerker, die am Wasserturm arbeiten, sind Form und Höhe des Gebäudes aber stets eine Herausforderung. So auch für die Dachdecker-, Zimmer- und Klempnerfirma Hans Meusel & Sohn, die seit ihrer Gründung noch nie so hoch über dem Boden gearbeitet hat. Die alten Dachpfannen sind bereits abgenommen und über eine Schuttrutsche in einem Container gelandet. Nur die rund 500 Kilogramm schwere Turmspitze aus Kupfer und ein wenig Platin musste nun heruntergehoben werden, damit die Handwerker an die darunter liegenden Dachpfannen kommen und die marode Holzverschalung erneuern können.

 Und so rollte gestern um 8.30 Uhr ein gewaltiger Kran aus Hamburg an, mit dessen Hilfe dieses Kunststück gelingen sollte. Harksens Ehefrau Marlies ahnte zu diesem Zeitpunkt schon, dass das Unternehmen schwierig werden könnte. „Ich fürchte, die müssen das in drei oder vier Teilen runterholen.“ Sie sollte recht behalten.

 Wolfgang Harksen war hingegen bestens gelaunt. Nicht nur, dass er seinen 66. Geburtstag auf diese ungewöhnliche Weise feierte, er genoss auch sichtlich den Trubel am Turm. Per Funkgerät kommunizierte er mit dem Handwerker-Team, das auf dem Turmdach, am Boden und in der Kransteuerung verteilt war.

 Juniorchef Christian Meusel fuhr in einem Metallkorb, der am 63 Meter hohen Ausleger des Krans baumelte, zur Turmspitze empor. Dort wickelte er ein dickes Tau aus reißfestem Kunststoff um die metallene Turmspitze – noch immer in der Hoffnung, dass sich das gesamte Objekt einfach nach oben herausziehen ließe. „Das Ganze ist im Turm mit einem Stahlkreuz befestigt“, schilderte Wolfgang Harksen. „Die Schrauben haben wir gestern gelöst.“

 Doch als der Kran das Seil zum ersten Mal spannte und in die Höhe zog, kam nur der obere Teil der Spitze mit. Mittelteil und die kegelförmige Manschette blieben stecken. So wiederholte sich die Prozedur. Wieder reiste Christian Meusel, dessen Vater Bernd auf dem Turmdach stand, nach oben und schlang das Seil um das Objekt.

 Doch die Ernüchterung folgte schnell: Diesmal wurde die lange Eisenstange herausgeholt, die die Spitze im Turm hält – aber die kegelförmige Kupfermanschette blieb noch immer an ihrem Platz. So musste der Dachdecker erneut nach oben. Es dauerte eine ganze Weile, bis er mit Hilfe seines Vaters die Kupferverkleidung so gelöst hatte, dass sie schließlich doch noch am Kran baumelte und auf einem Rasenstück direkt am Turm hingelegt werden konnte.

 Dort nahmen Harksen und die Handwerker auch einige seltsame Einkerbungen am Hohlraum der Turmspitze in Augenschein. „Das sind Einschüsse“, sagte der Turmherr. „Vermutlich mit einem Kleinkalibergewehr.“ Ob jemand auf den 1910 erbauten Wasserturm geschossen hat, während die Harksens schon darin wohnten, kann niemand mit Sicherheit sagen.

 Die Firma Meusel verschloss das nach dem Entfernen der Spitze offene Dach provisorisch; schließlich wird es vier bis fünf Wochen dauern, bis das Dach neu gedeckt ist. „Alle Dachpfannen müssen speziell zugeschnitten werden“, sagt Marlies Harksen. Die runde Form zwinge die Experten auch hier zu Maßanfertigungen.

 Parallel dazu wird die Kupferspitze aufgearbeitet und teilweise neu verlötet. Dann wird der Kran erneut anrollen, um sie ebenfalls in mehreren Arbeitsschritten wieder anzubringen – die nächste Herausforderung für die Handwerker.

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