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Misshandlung entpuppte sich als tragischer Irrtum

Bad Segeberger Schöffengericht Misshandlung entpuppte sich als tragischer Irrtum

Die Eltern  eines fünf Wochen alten Kindes standen gestern wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen vor dem Bad Segeberger Schöffengericht. Dort zeigte sich, dass ein erster Eindruck auch zu tragischen Trugschlüssen führen kann.

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Das Kind schrie aufgrund seiner Krankheit nicht, wenn er Hunger hatte.

Quelle: dpa

Bad Segeberg / Wahlstedt. Ein stark unterernährtes Baby, voller Hautfalten durch bedrohlichen Flüssigkeitsmangel, mit mehreren blauen Flecken am Kopf – der fünf Wochen alte Jeremy (Name geändert)bot im Dezember 2013 ein Bild des Jammers. Ein Wunschkind ist Jeremy nicht. Doch seine Mutter und der Vater, heute 25 und 26 Jahre alt, entscheiden sich, das Baby dennoch zu bekommen. Am 3. November 2013 wird Jeremy geboren – und zunächst scheint für die kleine Familie in Wahlstedt alles in bester Ordnung zu sein. Den Ärzten fällt an dem Säugling nichts Ungewöhnliches auf. 

Bei einer Untersuchung in einer Kinderarztpraxis wenige Tage später werden die Eltern darauf hingewiesen, dass das Baby sehr dünn ist und man diesen Punkt im Auge behalten sollte. Die Kontrolle an gleicher Stelle ergibt drei Tage später: Jeremy hat 70 Gramm zugenommen. Wegen ungewöhnlicher Herzgeräusche soll der Junge aber einem Spezialisten vorgestellt werden. Die Untersuchung bei dem Facharzt wird für den 10. Dezember 2013 vereinbart – und dieser Termin wird alles ändern.

Das Baby ist nämlich in der Zwischenzeit auf gerade mal 2320 Gramm abgemagert. Damit ist Jeremy sogar 540 Gramm leichter als bei der Geburt. Seine Körpertemperatur beträgt nur 33,8 Grad Celsius; offenkundig ist er für die kalte Jahreszeit viel zu dünn angezogen. Zudem fallen dem Mediziner die seltsamen blauen Flecken am Kopf auf – und ein bedrohlicher Flüssigkeitsmangel. Wenn man an den Hautfalten zieht, bleiben sie in dieser Form stehen; so ausgetrocknet ist das Kind. Der Verdacht: Jeremy wird von seinen Eltern vernachlässigt und misshandelt. Ein Rettungswagen bringt den Kleinen in eine Kinderklinik.

Im Krankenhaus wurde ein fatales Urteil gefasst

Dort wird das ganze Drama offenkundig: Jeremy leidet an gravierenden Hirnschäden und wird sein Leben lang schwer behindert sein. Ein Großteil der Krankenschwestern fasst ein fatales Vorurteil, wie Amtsrichterin Sabine Roggendorf gestern zusammenfasste: „Schreikind – böse Eltern – geschüttelt! Sie sind im Krankenhaus in diesem Licht gesehen worden.“

Am Ende sorgt das Segeberger Jugendamt dafür, dass die Eltern vor Gericht gestellt werden. Der ungeheure Verdacht: Jeremy hat die Hirnschäden und daraus folgenden Behinderungen durch Vernachlässigung und Misshandlung davongetragen. Doch in der Beweisaufnahme blieb gestern von der Theorie nichts übrig.

„Der Lütte ist behindert geboren worden, da ist Ihnen kein Vorwurf zu machen“, sagte Richterin Roggendorf. Ursache für die schweren Hirnschäden war eine Herpes-Infektion der Mutter in der Schwangerschaft. Jeremy, der in einer Pflegeeinrichtung in Geesthacht lebt, kann mit den Augen nur hell und dunkel unterscheiden; wie groß sein Hörvermögen ist, kann niemand sagen; ebenso wenig, ob er jemals wird laufen können. Er wird durch eine Sonde ernährt. 

Jeremy schreit nicht, wenn er Hunger hat

Eine Auswirkung seiner Behinderung: Im Gegensatz zu gesunden Babys schreit Jeremy nicht, wenn er Hunger hat. Aus diesem Grund war die Mutter auch davon ausgegangen, dass er genug zu sich genommen hat. 

Dennoch hätten Vater und Mutter im Laufe der Wochen erkennen müssen, dass der allgemeine Zustand des Kindes mit jedem Tag schlechter wurde. Angekreidet wird den Eltern vom Schöffengericht aber nur der Zeitraum der letzten Woche vor dem Besuch beim Facharzt. Da hätte man handeln müssen, denn hätte der Arzttermin nur ein paar Tage später gelegen, wäre das Kind tot gewesen.

Staatsanwalt Achim Hackethal hatte in seinem Plädoyer sechs Monate Haft für die Eltern gefordert – ausgesetzt zur Bewährung. „Es gibt für Eltern keinen Anspruch auf ein gesundes Kind“, sagte der Jurist. Insofern hätten Vater und Mutter auch rechtzeitig handeln müssen, als es Schwierigkeiten gab. Das betonte auch Hartmut Krüger, der im Auftrag des Jugendamtes als Nebenkläger auftrat: „Sie haben gemerkt, dass etwas nicht stimmt und nichts unternommen. Das geht gar nicht!“

Ralf Stelling, Verteidiger des Vaters, wies die Vorwürfe zurück. „Man kann von Eltern nicht mehr erwarten als das, was man von Ärzten erwartet“, sagte er. „Eine erfahrene Kinderärztin hat die Behinderung nicht festgestellt.“ Verteidiger Oliver Jürgens, zuständig für die Mutter, pflichtete ihm bei. Schöffin Ursula Michalak fragte die Vertreter des Jugendamtes, ob sie jetzt nach Kenntnis aller Fakten noch einmal einen Prozess anstrengen würden. Überraschende Antwort: „Ja.“

Fahrlässige Körperverletzung und Geldstrafe

Das Gericht sprach gegen die Eltern wegen fahrlässiger Körperverletzung eine Verwarnung aus und verurteilte die Mutter zu einer Geldstrafe von 7200 Euro auf Bewährung, den Vater zu 1800 Euro (sie hat einen Job, er nicht).

Richterin Roggendorf forderte die Eltern dazu auf, ihren Jeremy in Geesthacht einmal zu besuchen – denn das haben sie seit über zwei Jahren nicht getan. Die Richterin hielt das Foto des kleinen blonden Jungen hoch, der eine Brille trägt und auf dem Bild fröhlich lacht. „Er sieht fast ein wenig wie Harry Potter aus. Sie können ihn in den Arm nehmen, Sie können ihn drücken – er macht es Ihnen leicht.“ 

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