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Gebündelter Protest

Stromtrasse in Henstedt-Ulzburg Gebündelter Protest

Draußen schönstes Feierabendwetter, drinnen dicke Luft: Rund 350 Besucher kamen am Dienstagabend zur Einwohnerversammlung ins Bürgerhaus, um Neuigkeiten zu den Planungen für die 380-Kilovolt(kV)-Höchstspannungsleitung (Ostküstenleitung) zu erfahren – und ihrem Unmut Luft zu verschaffen.

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„Die Stromtrasse gehört an die A20“, forderte Dirk Rohlfing (links) aus Henstedt-Ulzburg. „Die geplante Stromtrasse durchschneidet den Kreis ohne Rücksicht auf Naturschutzgebiete“, ergänzte Niels Ehrk (rechts) aus Kisdorf. Beide bezweifeln die Notwendigkeit einer neuen Stromleitung.

Quelle: privat

Henstedt-Ulzburg. Einige hatten sogar Plakate dabei, um gegen den Bau der Leitung durch das südliche Gemeindegebiet und einen Teil des Rantzauer Forstes zu protestieren. „Tennet – ihr Schnacker, macht euch vom Acker“, hatte beispielsweise der frühere Gemeindevertreter Clauss Dieter Rommerskirchen schwarz auf weiß auf eine Tafel geschrieben und an die Wand des Bürgerhaus-Saals geklebt. „Meine Enkelin war früher im Waldkindergarten im Rantzauer Forst. Dort dürfen keine Höchstspannungsleitungen über die Köpfe der Kinder gezogen werden“, begründete Rommerskirchen seine ablehnende Haltung gegenüber dem Projekt des Stromnetzbetreibers Tennet im Rahmen der bundesweiten Energiewende.

 Seit Jahrzehnten führt eine 220-kV-Leitung vom Umspannwerk bei Stockelsdorf an Bad Oldesloe, Oering, Kisdorf und dem Henstedt-Ulzburger Ortsteil Götzberg vorbei bis zum Umspannwerk in Henstedt-Rhen. Diese Leitung ist nach Berechnungen der Bundesnetzagentur nicht leistungsstark genug für künftig zu erwartende Strommengen und soll deshalb durch eine 380-kV-Trasse mit höherer Kapazität und auch höheren Masten ersetzt werden. Mit Planung und Bau wurde der Stromnetzbetreiber Tennet beauftragt. Zunächst war davon ausgegangen worden, die gesamte Trasse mit bis zu 60 Meter hohen Masten zu bestücken. Inzwischen wird überlegt, auf zwei Abschnitten – bei Kisdorf und in Henstedt-Ulzburg – die Kabel in der Erde zu verlegen. Dafür gibt es aber noch nicht die erforderliche rechtliche Grundlage. Nach dem Willen des Bundesrates soll die 380-kV-Ostküstenleitung als Pilotstrecke für eine Teilerdverkabelung ausgewählt werden. Die Länderkammer hat bereits Anfang Mai mehrheitlich für einen entsprechenden Antrag der Landesregierung Schleswig-Holstein gestimmt.

 Vorgesehen ist zudem, die Leitung durch den Rantzauer Forst bis zur A7 zu verlängern, wo sie mit der ebenfalls neu geplanten Nord-Süd-Stromtrasse (Audorf bis Norderstedt) verknüpft werden soll. An dem Knotenpunkt soll ein Umspannwerk gebaut werden, wofür eine rund zehn Hektar große Fläche – wahrscheinlich im Bereich Beckershof in Henstedt-Ulzburg – benötigt wird. Zudem werden sieben Hektar für eine sogenannte Konverterstation gebraucht. Zurzeit befindet sich das Projekt in der Feinplanung. Das Planfeststellungsverfahren soll im Herbst 2016 beginnen und bis zum Frühjahr 2018 abgeschlossen sein. Danach erfolgt der Bau. Noch im gleichen Jahr soll der Betrieb auf der Ostküstenleitung starten.

 „Wir sind für die Energiewende. Aber wir wollen keine 380-kV-Leitung über Köpfen unserer Bürger“, sagte Bürgervorsteher Uwe Schmidt (CDU) stellvertretend für alle fünf Fraktionen der Gemeindevertretung. Alle Parteien und Wählergemeinschaften lehnen eine Trasse durch Henstedt-Ulzburg ab und verlangen, dass Alternativtrassen noch einmal geprüft werden. „Warum kann die neue Leitung nicht an der Trasse der geplanten Autobahn 20 durch den Kreis Segeberg verlaufen?“, fragte Schmidt die im Bürgerhaus anwesenden Tennet-Vertreter. Die Linienführung entlang der A20 sei zwar wie mehrere andere Neubau-Alternativen geprüft und bewertet worden, letztendlich sei jedoch die Variante mit dem Ausbau der bereits bestehenden Leitung durch Henstedt-Ulzburg favorisiert worden, begründeten die Tennet-Mitarbeiter wiederholt. „Wir verlangen, dass das Schutzgut Mensch in den Vordergrund gestellt wird und nicht wirtschaftliche Interessen. Notfalls schalten wir das Verwaltungsgericht ein“, betonte Bürgervorsteher Schmidt und erntete lang anhaltenden Beifall. Alle Fraktionen hatten draußen Plakate aufstellen lassen, auf denen auch die Verlegung der Ostküstenleitung an den ebenfalls noch in Planung befindlichen A20-Abschnitt zwischen Bad Segeberg und der A7 bei Schmalfeld gefordert wird.

 Zu der Einwohnerversammlung war auch Staatssekretärin Ingrid Nestle vom schleswig-holsteinischen Umwelt-, Landwirtschafts- und Energiewendeministerium gekommen. „Die neue Leitung wird gebraucht“, sagte sie. Sie hatte sich vor einigen Tagen den Waldkindergarten in Ulzburg-Süd angesehen und räumte ein, dass der Leitungsbau ein erheblicher Eingriff in die Natur wäre. Die Staatssekretärin betonte aber auch, dass sie das Planungsverfahren für fair erachte und die „beste alle Varianten“ gefunden werde. „Gute Argumente können aber noch etwas verändern“, ermunterte Nestle die Zuhörer, Kritik und Anregungen an ihr Ministerium oder an die Tennet zu schicken.

 Für Aufsehen im Saal sorgte die Wortmeldung eines Besuchers, der in den Online-Informationen zur Bürgerbeteiligung der Tennet einen Fehler entdeckt hatte. Eine frühere Karte mit den Trassenvarianten sei lückenhaft gewesen, so dass lange Zeit der beabsichtigte Trassenverlauf durch Henstedt-Ulzburg nicht ersichtlich gewesen sei. Die Tennet-Mitarbeiter entschuldigten sich für das Versäumnis, ernteten aber trotzdem Vorwürfe, sie hätten „getrickst und getäuscht“.

 Der Online-Fehler hat keine Auswirkungen auf die Planung. Deshalb setzen die Gemeindevertreter auch ihre Unterschriftensammlung gegen die Ostküstenleitung mit einem Trassenabschnitt durch Henstedt-Ulzburg fort. Listen liegen noch bis zum 4. September in öffentlichen Einrichtungen aus. Jeder Henstedt-Ulzburger kann sich eine Blanko-Liste von der Gemeinde-Homepage (www.henstedt-ulzburg.de) herunterladen und selbst Unterschriften sammeln.

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Ein Artikel von
Michael Zwicker

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