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Hitlergruß im Klassenchat

Bad Segeberg Hitlergruß im Klassenchat

Pornografische Fotos, rechtsradikales Gedankengut, wüste Drohungen gegen Mitschüler – Direktorin Nele Degenhardt staunte nicht schlecht, als sie das Smartphone einer Dahlmannschülerin aus der 7. Klasse in die Hand nahm.

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Schulleiterin Nele Degenhardt (links) und Schulsozialpädagogin Ann-Cathrin Grandt warnen vor der missbräuchlichen Nutzung von Messenger-Diensten wie WhatsApp. An der Dahlmannschule wird ein „Computer-Führerschein" eingeführt.

Quelle: Michael Stamp

Bad Segeberg. Nur durch Zufall stieß die Schulleiterin im Klassenchat auf das abstoßende Material und knöpfte sich den Absender vor: einen 13-jährigen Schüler. Im Anschluss wurden die Eltern aller Siebtklässler vor den Gefahren einer missbräuchlichen Nutzung von Messenger-Diensten wie WhatsApp gewarnt.

 „Ein Mädchen brachte mir ihr Handy und zeigte Mobbing gegen sie an“, schildert Nele Degenhardt. Zum Beweis ließ das Kind die Schulleiterin durch den Klassenchat blättern, in dem sich die Kinder gegenseitig Nachrichten schicken. So etwas gibt es laut Nele Degenhardt mittlerweile in nahezu jeder Klasse.

 Doch in diesem Fall strotzte der Chat nicht nur vor Beleidigungen und Drohungen, es wurden auch jede Menge Bilder verschickt, die für Kinderaugen nicht geeignet sind. Neben pornografischen Szenen entdeckte die Direktorin auch ein Schwarzweiß-Bild aus dem Dritten Reich: Eine riesige Kindergruppe zeigt den Hitler-Gruß. Bildunterschrift: „Hoyerswerda: Wo deutsche Kinder Asylbewerber noch anständig begrüßen.“

 Da die Absender der Nachrichten bei WhatsApp sichtbar sind, war der betreffende Schüler problemlos zu identifizieren. Wenig später saß er in Begleitung seiner Eltern im Schulleiter-Büro und holte sich eine mündliche Ermahnung ab. „Das Problem wird mit Strafen nicht in den Griff gekriegt“, sagt Nele Degenhardt. Schulsozialpädagogin Ann-Cathrin Grandt ergänzt: „Aufklärung ist wichtig.“

 Immerhin – auch das hat die Direktorin im Klassenchat gesehen – gibt es unter den Schülern Zivilcourage. „Da standen auch Sätze wie ,Hör auf!’ unter den Mitteilungen“, schildert sie. „Eltern sollten ihren Kindern Mut machen, sich in solch einer Situation zu wehren. Oft trauen sie sich nämlich wegen des Gruppenzwangs nicht. Wir brauchen aber solche Menschen in der Gesellschaft.“

 Das Chat-Problem wird immer größer. Im Jahr 2012 hatten 47 Prozent der 12- bis 19-Jährigen ein Smartphone, im Jahr 2014 waren es bereits 88 Prozent (siehe auch Statistik rechts). Manche Kinder können mit diesem Multimedia-Gerät jedoch nicht verantwortungsvoll umgehen. Gemobbt wurde an Schulen natürlich auch früher schon – doch da wurden die Gemeinheiten noch per Zettelchen unter der Bank weitergegeben. Heute kann sie per Knopfdruck im Zweifelsfalle die ganze Welt lesen.

 „WhatsApp ist ein Werkzeug, das Schüler sinnvoll zur Kommunikation mit ihren Eltern oder auch untereinander nutzen können, zum Beispiel um Hausaufgaben auszutauschen oder um sich zu verabreden“, sagt Nele Degenhardt. „Wenn Werkzeuge aber zweckentbunden eingesetzt werden, wenn Kinder zum Beispiel mit ihrer Schere nicht das Papier zerschneiden, sondern einem anderen Kind damit ein Ohr abtrennen, müssen Erzieher eingreifen. Und dabei sind WhatsApp-Gruppen noch gefährlicher als Scheren.“

 Die Schulleiterin rät Eltern, die Klassenchats hin und wieder zu überprüfen. Zwar haben auch Kinder ein Recht auf Privatsphäre, doch bei den Chats gehe es darum, Gefahren rechtzeitig zu erkennen. „Man muss den Kindern auch klarmachen, dass es einen Unterschied zwischen Petzen und Hilfeholen gibt“, betont Schulsozialpädagogin Ann-Cathrin Grandt. Von den „privaten“ Chats der Kinder beziehungsweise von Kleingruppen mit zwei oder drei Freunden sollten Eltern jedoch die Finger lassen, damit sich die Kinder nicht lückenlos kontrolliert fühlen.

 An der Dahlmannschule soll es nun ein Programm geben, mit dem auf die Gefahren des weltweiten Datennetzes hingewiesen wird. So wird ab dem kommenden Schuljahr der Präventionsbeauftragte der Polizei die 6. Klassen besuchen und den Schülern erklären, mit der Verbreitung welcher Inhalte sie sich strafbar machen können. Die 7. Klassen werden in der JugendAkademie einen Kursus zur Medienerziehung besuchen. Auch die Eltern werden dort willkommen sein. „Im 8. Jahrgang werden die Projekte aus den 6. und 7. Klassen wiederholt und vertieft“, erklärt Schulleiterin Degenhardt. Thema ist dann unter anderem das Recht am eigenen Bild. Ein Beispiel ist hier wiederum WhatsApp. Nele Degenhardt: „Auch die Profilbilder der Kindern, die angeschrieben werden, und die gar nicht wissen, dass sie damit ebenso öffentlich sind, sind sichtbar. Auch hier können fremde Nutzer sehen, wann sie online und wann sie offline sind, und sie können sich mit ihnen verabreden und sich mit ihnen treffen.“

 Am Ende der 8.Klasse schreiben die Dahlmannschüler einen Test zu diesem Thema und erwerben den „Computer-Führerschein“. Erst anschließend dürfen sie das schnurlose Datennetzwerk der Schule benutzen.

 Sorgen macht der Direktorin auch, dass die Chatgruppen bis tief in die Nacht genutzt werden. „Immer mehr Kinder kommen unausgeschlafen in die Schule, denn durch diese Permanent-Kommunikation entspannen sie ja gar nicht.“

 Am Städtischen Gymnasium hatte es vor drei Jahren einen heftigen Fall von Cybermobbing gegeben. Zwei Schüler hatten eine fiktive Website für einen Lehrer erstellt und den Pädagogen dort übel beleidigt. Außerdem verbreiteten sie Fotos, die eine minderjährige Schülerin aus Trappenkamp bei der Selbstbefriedigung zeigte, im Internet. Beide kamen schulisch ebenfalls mit einem blauen Auge davon.

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