18 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Auf Seelsorge im Mittelmeer

Pastor Kristian Lüders Auf Seelsorge im Mittelmeer

Ein Sandsturm auf offener See, eine Friedenstaube mitten auf dem Meer, große Ängste, noch größere Erleichterung – Kristian Lüders hat eine Menge erlebt. Der ehemalige Bad Segeberger Pastor war an Bord des Bundeswehrschiffs „Werra“ hautnah dabei, als 1200 Flüchtlinge aus dem Mittelmeer gerettet wurden.

Voriger Artikel
Gastfamilien dringend gesucht
Nächster Artikel
Weiter keine Spur von der Mutter

Pastor Kristian Lüders (48) aus Bad Segeberg war als Militärpfarrer auf dem Versorgungsschiff „Werra“ im Mittelmeer unterwegs und trug in seiner Funktion als Seelsorger dazu bei, dass 1186 Menschen aus Seenot gerettet werden konnten.

Quelle: Michael Stamp

Bad Segeberg / Kiel. Die Zeiten, in denen ein Open-Air-Gottesdienst vor der Marienkirche mit Predigt im Korb der Feuerwehr-Drehleiter das Ungewöhnlichste im Berufsleben des Seelsorgers waren, sind endgültig vorbei. Seit September 2014 leitet er das Evangelische Militärpfarramt Kiel II. Die einst wuscheligen Haare sind einer schneidigen Frisur gewichen, den Talar trägt er kaum noch. Doch der 48-Jährige ist glücklich. „Es ist alles noch viel besser, als ich gehofft hatte. Es ist eine erhebliche Horizonterweiterung.“

 Von Anfang Juni bis Mitte Oktober war er auf See unterwegs. Der Tender „Werra“ – sonst ein Versorgungsschiff für Treibstoff, Munition und Lebensmittel – sollte im Gebiet südlich der Mittelmeerinsel Lampedusa zwischen Tunesien und Sizilien Flüchtlinge aus Seenot retten. Dass es losgeht, erfuhr Lüders drei Tage vor der Abfahrt. „Es musste viel improvisiert werden.“

 Von den 104 Mannschaftskojen waren 103 belegt. „Es war knackedickevoll.“ 60 Menschen werden gebraucht, um das Schiff zu fahren, gut 40 waren anderweitige Spezialisten wie Ärzte, Sanitäter und Experten für sprachliche und kulturelle Kommunikation. Als die „Werra“ in Kiel auslief, um in der Nähe von Malaga mit der Fregatte „Schleswig-Holstein“ und dem Versorger „Berlin“ zusammenzutreffen, fuhr die Angst mit. „Die Sorge, sterbende Kinder aus dem Wasser zu fischen, war groß“, schildert Lüders. „Einige an Bord hatten bei früheren Einsätzen schon Tote geborgen. Mein Beitrag war, eine Strategie zu entwickeln, wie man mit möglichen Belastungssituationen umgeht.“ Viele Soldaten wollten mit dem Bad Segeberger Seelsorger sprechen – auch solche, die mit der Kirche eigentlich nichts am Hut haben.

 Mit 15 Knoten („Das sind 27 Stundenkilometer. Gutes Fahrradtempo.“) näherte sich die „Werra“ ihrem Ziel. „Auf der Anfahrt haben wir überlegt, wie man die Rettung organisiert.“ Sechs Dixie-Klos wurden kurzfristig zu herkömmlichen Toiletten mit Wasserspülung umgerüstet; auf dem Flugdeck, auf dem ansonsten Hubschrauber landen, stellten die Soldaten ein gewaltiges Zelt für mehrere hundert Menschen auf. Wie schnell jeder Quadratzentimeter Platz genötigt werden würde, konnten Lüders und seine Kameraden noch nicht ahnen, als sie auf das Mittelmeer hinausfuhren.

 Für die Soldaten hielt der Pastor auf dem Deck einen Gottesdienst ab – in militärischer Dienstkleidung und mit Gitarre. Zuvor hatte es drei Meter hohe Wellen gegeben; es war unsicher gewesen, ob man überhaupt an Deck sein konnte. „Doch dann klarte das Wetter auf, die See wurde ruhig“, schildert Lüders. „Und dann kam sogar eine Taube angeflogen.“ Das Friedenssymbol griff er natürlich sofort in seiner Predigt auf. Der Vogel begleitete die „Werra“ einen Teil der Fahrt.

 Doch nicht nur die Taube flog über die Wellen. Bundeswehrhubschrauber suchten in einem Gebiet von der Größe des Saarlandes nach Flüchtlingsbooten – und gleich das erste wurde eine große Herausforderung. Lüders: „Es war ein Fischerboot aus Holz – ungefähr 25 bis 30 Meter lang und vier Meter breit. Ein Deck und darunter ein Raum, aus dem alle Wände herausgekloppt waren.“ An Bord: 627 Flüchtlinge, zusammengepfercht auf engstem Raum. „Jeder hatte soviel Platz, wie seine Fußsohlen brauchen.“

 Es musste schnell gehen. In vergleichbaren Situation waren auf anderen Schiffen schon viele Flüchtlinge erstickt. Doch die Rettung war brandgefährlich. „Durch die Verlagerung der Menschen kann so ein Boot leicht kentern und sinken.“ Der Italienern, die in der Nähe mit einem Flugzeugträger ebenfalls Flüchtlinge retteten, sei das mehrfach passiert. Mit größter Vorsicht holten die Soldaten die Flüchtlinge aus dem Schiff und fuhren sie in Schlauchbooten zur „Werra“.

 An Bord hatten die Besatzungsmitglieder, die für die Begrüßung der „Gäste“ (Bundeswehrjargon für die Flüchtlinge) zuständig waren, Schutzanzüge angelegt. Mit den erschöpften Menschen kamen nämlich auch Krätze, Läuse und Tuberkulose an Bord. Außerdem wurde befürchtet, dass Ebola-Kranke unter den Flüchtlingen sein könnten. Doch da gab es Entwarnung. Lüders: „Die hätten es durch die Wüste bis auf das Mittelmeer vermutlich gar nicht mehr geschafft.“

 Die Verständigung lief auf Arabisch, Englisch und Französisch. Die „Werra“ war schnell voll beladen. „Schon, als 400 an Bord waren, dachte man: Das ist das Ende der Fahnenstange“, sagt Lüders. Als das Bundeswehrschiff mit den 627 Menschen an Bord in Richtung Italien fuhr, um sie dort an Land zu bringen, sei die Stimmung an Bord „geradezu euphorisch gewesen“, erzählt der Pastor. Kein Toter, alle einigermaßen bei Gesundheit – das hatte kaum einer zu hoffen gewagt. Doch dann krochen Bedenken in die Köpfe der Soldaten. „Es waren 600 Leute gegen 100. Was ist, wenn die jetzt alle sagen: Das ist unser Schiff – und wir fahren jetzt nach Kanada?!“

 Doch alles ging gut. Die Flüchtlinge landeten wohlbehalten auf europäischem Boden. Auch 15 Kinder, für die sich niemand zuständig fühlte. „Das waren richtige Sonnenscheine“, sagt Lüders. Ihm hat der gesamte Einsatz menschlich unheimlich viel bedeutet. Bei sieben Flüchtlingsrettungen wurden insgesamt 1186 Menschen aus dem Mittelmeer geholt – alle lebendig.

 Zu einem Abenteuer geriet die Jagd nach Schleusern. Bei dieser Mission geriet das Schiff in einen Sandsturm, der weit auf das Meer hinausgetragen worden war. „Damit kam ein Falke an Bord“, sagt Lüders. Wieder ein fliegendes Symbol.

 Über das Satellitentelefon konnte Lüders mit seiner Frau und den beiden Söhnen telefonieren – eine halbe Stunden pro Woche, aufgeteilt auf zwei bis drei Gespräche. „In einem radikal runtergekühlten Serverraum“, schildert der Bad Segeberger. Sobald Land in der Nähe war, nutzte er sein Handy. E-Mails wurden über den Funkraum verschickt und empfangen. „Ich bin stolz und dankbar“, sagt Lüders mit Blick auf seine Familie. „Doch schwieriger als das Weg-Sein war das Ankommen. Zu Hause lief ja alles ohne mich.“ Doch auch diese Herausforderung hat er inzwischen gemeistert.

 Von seinen Erfahrungen berichtet Lüders morgen ab 10 Uhr bei der Evangelischen Freikirche („Gemeinde Gottes“) in der Lübecker Straße 114. Viel Zeit an Land bleibt ihm aber möglicherweise nicht. „In zwei Wochen entscheidet sich, wann es wieder losgeht.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Aktuelle Nachrichten aus der Segeberger Zeitung
Events: Segeberg

Veranstaltungen in
Segeberg. Aktuelle
Termine, News, Infos

KSV-Liveticker!

KSV-Spielstand online
verfolgen, mit dem
KN-KSV-Liveticker

Anzeige
Mehr aus Nachrichten aus Segeberg 2/3