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Alles hängt am Ehrenamt

Flüchtlingshilfe in Hartenholm Alles hängt am Ehrenamt

Einige Monate lang hatte Hartenholm Zeit, sich auf die Ankunft der 30 angekündigten Flüchtlinge vorzubereiten. Nun sind die ersten da, und bislang sieht es so aus, als ob die Betreuung zu fast 100 Prozent von Ehrenamtlern gestemmt werden muss. Doch die müssen sich erst einmal in die Materie einarbeiten – und fühlen sich von den Behörden alleingelassen.

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Karl-Heinz Panten aus Hartenholm (rechts) gehört zum ehrenamtlichen Helfer-Team, das sich um die Flüchtlinge im ehemaligen Seniorenzentrum kümmert. Michael Milde ist dort als Hausmeister beschäftigt und einer der wichtigsten Ansprechpartner für die Migranten aus bislang fünf Ländern. Kommunizieren kann er mit den jungen Männern aber kaum. Die meisten sprechen nicht einmal Englisch.

Quelle: Isabelle Pantel

Hartenholm. Zunächst einmal die gute Nachricht: Die Rahmenbedingungen in Hartenholm stimmen. Das Amt Kaltenkirchen-Land hat ein ehemaliges Seniorenheim an der Mühlenstraße angemietet, das rechtzeitig für die Flüchtlinge renoviert wurde. Nebenan wohnt ein Hausmeister, der beim Amt angestellt ist und sich um die Anlage kümmert. Für den Fall der Fälle gibt es auf dem Gelände eine Videoüberwachung. Damit endet die Professionalität aber auch schon. Beinahe alles andere steht und fällt mit dem Einsatz der Ehrenamtler – und das ist eine Menge.

 In der zweiten Märzhälfte kamen die ersten Flüchtlinge an: ein Serbe, zwei Iraker, ein Jemenit, zwei Albaner und fünf Kosovaren. Bei allen handelt es sich um junge Männer im arbeitsfähigen Alter, die jetzt aber erst einmal zur Untätigkeit verurteilt sind. Abgesehen davon, dass sie Termine auf Ämtern zu erledigen haben, gibt es für sie keine Aufgabe. Der Tagesinhalt besteht daher fast nur darin, über Smartphones und das Internet Kontakt zu Verwandten und Bekannten zu halten. Gestern sollten die nächsten Flüchtlinge eintreffen.

 Um wen es sich bei den Neuankömmlingen handelt, weiß in Hartenholm niemand. Bis die Leute vor der Tür stehen. Ihre wenigen Habseligkeiten, in erster Linie Kleidung, haben sie in Tüten dabei. „Wenn ich in den Urlaub fahre, nehme ich mehr mit“, fasst Karl-Heinz Panten die traurige Situation der Flüchtlinge zusammen.

 Panten gehört zum 30-köpfigen Helferkreis in der Gemeinde. Die Gruppe wusste in den Grundzügen schon seit einigen Monaten, was sie erwartete. Entsprechend gut ist sie organisiert. Die Ehrenamtler sorgen jetzt dafür, dass die Flüchtlinge einmal pro Woche etwas Deutsch lernen und dass sie ebenfalls einmal pro Woche Sport treiben können. Außerdem haben sich Freiwillige gefunden, die die Neuankömmlinge regelmäßig zu Sozialkaufhäusern fahren, wo sie günstig einkaufen können. Ohne die Ehrenamtler liefe nichts, denn die jungen Migranten sind bei allem auf Hilfe angewiesen: Sie sprechen kein Deutsch, im besten Fall einige Brocken Englisch, sie sind fast mittellos und wissen nicht, an wen sie sich wenden können oder welche Termine sie in ihrem Asylverfahren zu erledigen haben. Die Liste der Probleme ist lang. Alle Merkblätter sind auf Deutsch verfasst und daher für die Flüchtlinge schlicht unverständlich.

 Nach nicht einmal einem Monat zeigt sich bereits, wie viel die Betreuung der Migranten den Ehrenamtlern abverlangt. „Wir müssen erst noch herausfinden, wie die Abläufe sind und wann sich die Betroffenen wo melden müssen“, schildert Karl-Heinz Panten. Gerade dies sei mit viel Fahrerei verbunden. Weil die Bus- und Bahnverbindung aus Hartenholmer Sicht nicht die beste ist, werden die jungen Leute bislang viel von den Ehrenamtlern kutschiert: zu den Ämtern in Neumünster, Bad Segeberg oder auch Kaltenkirchen. Wie lange sich das durchhalten lässt, wird sich zeigen.

 Als besonders ärgerlich empfand Karl-Heinz Panten kürzlich einen Vorfall im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Neumünster. Dort müssen sich die Neuzugänge im Zuge ihres Asylverfahrens zum Interviewtermin melden. Alle werden zu 8 Uhr früh einbestellt – egal wann sie an der Reihe sind. „Neulich hatten wir einen Extremfall, denn obwohl nur drei Leute vor ihm dran waren, wurde der Flüchtling erst nach 16 Uhr aufgerufen“, so Karl-Heinz Panten. Die ganze Zeit über habe der Mann den Wartebereich nicht verlassen dürfen und folglich auch nichts zu essen erhalten. „Es ist mir völlig unverständlich, dass sich die Termine nicht besser koordinieren lassen“, sagt Panten. Die bisherige 8-Uhr-Regelung mit offenem Ende am Nachmittag sei für die Flüchtlinge unzumutbar – aber auch für Ehrenamtler, die sich manchmal den ganzen Tag freihalten müssen, um den Fahrdienst zu managen.

 Hartenholms Bürgermeister Hans-Burkhard Fallmeier ist mit der Situation ebenfalls unzufrieden. Er freut sich aber darüber, dass die Einwohner des Dorfes bislang derart viel Solidarität zeigen. Von behördlicher Seite hingegen würde er sich mehr Unterstützung wünschen. „Das hört man aber leider aus allen Orten, die Asylbewerber aufgenommen haben. Alle fühlen sich verlassen.“

 Die bürokratischen Probleme sind es, die den Helfern zurzeit besonders auffallen. Andere Schwierigkeiten hingegen sind aufgrund fehlender Kommunikationsmöglichkeiten noch gar nicht zutage getreten. So wissen die Helfer beispielsweise nicht, welche persönlichen Schicksale hinter jeder Flucht stecken oder was aus den Familien der Einzelbewerber geworden ist. Mit diesen Fragen stehen die Migranten nach wie vor alleine da.

 Zum Amt Kaltenkirchen-Land gehören neben Hartenholm auch die Dörfer Alveslohe, Schmalfeld, Lentföhrden, Nützen und Hasenmoor. Sie haben in diesem Jahr zusammen bisher 41 Asylbewerber aufgenommen, 46 werden noch erwartet. „Um all diese Menschen professionell betreuen zu können, bräuchten wir bestimmt noch zwei Vollzeitkräfte“, sagt Amtsvorsteher Klaus Brakel. Doch dass dafür vom Kreis Segeberg Geld bereitgestellt werde, sei nicht in Sicht.

 Abgesehen von Hasenmoor haben aktuell alle Gemeinden des Amtes Flüchtlinge zugewiesen bekommen. Die Verwaltung bemüht sich, weitere Häuser anzumieten, um sie möglichst dezentral unterzubringen.

 Das Hartenholmer Helfer-Team würde sich über weitere Unterstützer freuen, insbesondere bei Fahrdiensten. Wer sich engagieren möchte, kann sich unter Telefon 04195/613 an Karl-Heinz Panten wenden.

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