18 ° / 15 ° Regenschauer

Navigation:
Ein Panoptikum der Verkohlten

Die Schwarzbunten Ein Panoptikum der Verkohlten

Was der Kabaretttruppe „Die Schwazbunten“ auch im neuen Programm „Kuh vadis, Segeberg?“ die Angelegenheit einfacher macht, ist der Heimvorteil: Das Publikum ist von Haus aus nah dran am Personal. Bei der stürmisch gefeierten Premiere gab das Sextett gute drei Stunden lang Vollgas.

Voriger Artikel
Betonproduzent baut neues Werk
Nächster Artikel
Altbau sorgt für Diskussionen

Zur Melodie des Welthits „Rivers of Babylon“ von Boney M. intonierten die sechs Schwarzbunten in durchaus gewagter Kostümierung die Nummer „Wir verzocken das Hallenbad“.

Quelle: Sönke Ehlers

Bad Segeberg. Als Figur im Programm der Schwarzbunten aufzutauchen, ist eine zweischneidige Angelegenheit. Wer von der Kabarett-Truppe auf der Bühne parodiert wird, hat es zwar einerseits zu gewisser lokaler Prominenz gebracht. Doch die unfreiwillige Aufnahme ins und Vorgeführten beruht nur in Ausnahmefällen auf besonders segensreichem Wirken im öffentlichen Leben. Letztlich bleibt Betroffenen, so sie sich denn unter die Besucher trauen, ohnehin nur eines übrig: fröhlich mitzulachen, um bei den Sitznachbarn keinen Verdacht aufkommen zu lassen, womöglich noch nicht einmal Humor zu besitzen. Mitunter genügen schon ein Stichwort oder auch nur ein Name, um allgemeinen Frohsinn auszulösen.

 Die Schwarzbunten, im Jahr 1989 (kein Scherz!) als kirchliche Jugendgruppe im Gemeindezentrum Glindenberg gegründet, das sind Jurist Hans Joachim Am Wege (46), Betriebswirt Sascha Bove (42), Diplom-Ingenieur Michael Göller (49), Werbekaufmann Michael Meier (42), Steuerfachwirt Torten Schwartz (45) und Journalist Michael Stamp (46). Der SZ-Redakteur ist seit Jahren kreativer Kopf der Truppe und im Berufsalltag längst darauf geeicht, kommunalpolitische Irrungen und Wirrungen umgehend auf mögliche Kabarett-Tauglichkeit hin abzuklopfen.

 Auf die Idee, den ewigen Streit zwischen der Stadt und den Eigentümern des Levo-Parks, der Familie Wachholtz, um eine mögliche Gewerbeansiedlung im Stil der legendären „Sendung mit der Maus“ auf die Schippe zu nehmen, muss man erst einmal kommen. Weiterer Höhepunkt im Polstermöbelzelt von Möbel Kraft: die von Michael Stamp in der Rolle von Bad Segebergs bekanntermaßen höchst engagiertem Wehrführer Mark Zielinski gehaltene Tirade in der Hölle, die aus brandschutzrechtlichen Erwägungen eigentlich längst dichtgemacht werden müsste. Die Zeile „Der Bürger macht sich keine Vorstellung“ hat durchaus das Zeug zum geflügelten Wort. Dass Luzifer ganz nebenbei einige Segeberger Lokalgrößen begrüßt, darunter natürlich den von Stamp schon traditionell abgewatschten Politnomaden und Stadtvertreter Thomas Krüger (aktuell „Die Unabhängige“) oder den desorientierten Reinhard Kraft, macht das Vergnügen komplett.

 Dass der heimliche Star des neuen Programms (neben den tierischen Gästen der beliebten Talkrunde) ausgerechnet eine von Haus aus wenig aufregende Ampel ist, verrät schon eine Menge über die Qualität der Themen, die in der Kalkbergstadt und bisweilen auch darüber hinaus Anlass zu Konflikten mit hochgradig possenhaften Zügen bieten. Selbst ein Landesminister sah sich bemüßigt, die unscheinbare Lichtzeichenanlage vor dem Alten Bahnhof, um deren Neuaktivierung sich Stadt und Kreis wochenlang zankten, einmal vor Ort in Augenschein zu nehmen.

 Doch es gab auch wieder echte Kultur: Der von Torsten Schwartz nach der Melodie des Musical-Superhits „Memory“ vorgetragene Song „Giftmord“, in dem es um den von örtlichen Geschäftsleuten unterbreiteten Vorschlag geht, der Tauben-Plage in der Fußgängerzone durch eine konzertierte Vergiftungsaktion beizukommen, sorgte trotz kurioser Liedzeilen angesichts der musikalischen Qualität vollkommen zurecht für andächtiges Schweigen.

 Dass die Schwarzbunten nicht unbedingt das Ziel verfolgen, sich bei irgendwem besonders beliebt zu machen – noch nicht einmal beim Gastgeber Möbel Kraft selbst, der sein großes Ausstellungszelt mit 900 Sitzplätzen wieder kostenlos zur Verfügung gestellt hat –, wissen Kenner der Gruppe ohnehin seit Jahren. Vor dem plötzlichen Abgang des früheren Geschäftsführers Dr. Gunnar George, dem von der Staatsanwaltschaft unlautere Machenschaften vorgeworfen werden, macht ihre Spottlust (bei der Premiere übrigens in Anwesenheit von Kraft-Chef Günter Loose und Hausleiter Peter Kruse) ebenso wenig Halt wie vor den hyperaktiven Vertretern der Internet-Firma „Deutsche Glasfaser“.

 Doch ein Trost bleibt auch jenen, denen im Programm eher undankbare Rollen zugefallen sind. Sämtliche Einnahmen aus den bis Sonntag fünf Vorstellungen gehen erneut an etliche gute Zwecke. Zur Verteilung dürften dann wieder deutlich über 40000 Euro gelangen – eine vergleichbare Größenordnung an Wohltätigkeit ist zumindest in dieser Region nicht überliefert. Karten gibt es nur noch für die Vorstellung am Samstagnachmittag. Womöglich eine Gelegenheit für Ulf Wachholtz oder Landrat Jan Peter Schröder. Es könnte sich lohnen.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Aktuelle Nachrichten aus der Segeberger Zeitung
Mehr aus Nachrichten aus Segeberg 2/3