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Flüchtlingskrise: Ruhige Diskussion

Kaltenkirchen Flüchtlingskrise: Ruhige Diskussion

Dass zur Kaltenkirchener Einwohnerversammlung zum Thema Flüchtlinge derart viele Besucher kamen, überraschte dann doch. In den Ratssaal mussten Dutzende zusätzliche Stühle gestellt werden. An die 400 Kaltenkirchener verfolgten die Diskussion.

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Als Podiumsgäste waren dabei: (von links) Frank Dunemann (Kaltenkirchener Sozialamt), Rolf Meenen (Kreisverwaltung), Thies Behn (Sozialarbeiter), Stefan Stahl (Jobcenter), Marc Synwoldt (Agentur für Arbeit), Nadja Hahn (Volkshochschule) und Birger Gossen (Polizeirevier).

Quelle: Isabelle Pantel

Kaltenkirchen. Vom Publikum wurde die Entwicklung in der Stadt im Wesentlichen ruhig aufgenommen. Bürgermeister Hanno Krause hob in seiner Einleitung lobend hervor, dass neben Alteingesessenen auch mehrere Dutzend Flüchtlinge gekommen waren.

  Als Gäste waren Fachleute eingeladen, die sich in ihrem beruflichen Alltag mittlerweile tagtäglich mit Flüchtlingsfragen beschäftigen. Rolf Meenen vertrat die Kreisverwaltung (Fachbereich Ausländer- und Asylangelegenheiten), aus dem Kaltenkirchener Sozialamt war Frank Dunemann gekommen, Stefan Stahl schilderte die Sicht des Jobcenters und Marc Synwoldt sürach für die Agentur für Arbeit. Außerdem waren der Sozialarbeiter Thies Behn, Polizeirevierleiter Birger Gossen und die Volkshochschulleiterin Nadja Hahn dabei.

 In einer rasanten Entwicklung seien Flüchtlingszahlen 2015 ständig nach oben korrigiert worden, erklärte Rolf Meenen. Der Kreis Segeberg sei zu Beginn des Jahres von 1050 unterzubringenden Flüchtlingen im gesamten Jahr ausgegangen, inzwischen werde mit rund 2600 gerechnet. Sämtliche Erstaufnahmeeinrichtungen in Schleswig-Holstein seien hoffnungslos überfüllt. Zurzeit sind beispielsweise allein in Neumünster 5000 Menschen untergebracht, obwohl das Gelände nur für 2000 ausgelegt ist.

 Was bedeutet das für Kaltenkirchen ? „Ich habe mir mal erlaubt öffentlich zu sagen, dass wir keine Sporthalle mit Flüchtlingen belegen wollen“, sagte Bürgermeister Krause, doch kurz darauf habe die Stadtverwaltung genau das als Plan B diskutieren müssen, weil sie keine andere Notfalllösung mehr gesehen habe. „Und dann habe ich in einer Sitzung gesagt, wir könnten davon ausgehen, dass wir die KT-Tennishalle nicht vor Ende 2016 mit Asylbewerbern belegen müssen“, führte Krause weiter aus. Schon zwei Tage später sei diese Prognose durch neue Zahlen völlig überholt gewesen. Die Vorbereitung der Halle auf die Wohnnutzung beginnt Anfang November.

 Sachgebietsleiter Dunemann vom Sozialamt zeigte anhand von Grafiken, wie derzeit am Hochseilgarten ein Containerdorf für Flüchtlinge entsteht. Zurzeit leben dort nur Einzelbewerber, doch bald sollen auch Container für Familien folgen. Die bisherige Strategie, Flüchtlinge dezentral in der Stadt einzuquartieren, lässt sich nicht mehr umsetzen. Das Containerdorf soll bis Ende des Jahres 80 Menschen ein Dach über dem Kopf bieten. In absehbarer Zukunft könnten dort bis zu 420 Personen leben.

 In diesem Jahr muss Kaltenkirchen insgesamt rund 200 Flüchtlinge aufnehmen. Von ihnen ist allerdings erst die Hälfte in der Stadt angekommen, so dass auf der Verwaltung noch erheblicher Druck lastet. Mittlerweile ist beinahe täglich mit der Zuweisung neuer Asylbewerber zu rechnen. Die meisten kommen aus Syrien, Afghanistan, Eritrea und dem Irak.

 Es meldeten sich lediglich zwei Bürger, die in genervtem Ton ihre Ängste vor fehlender Integrationsbereitschaft von Muslimen äußerten. Darauf sprang das Publikum allerdings nicht an. „Dass heute derart viele Flüchtlinge gekommen sind, zeigt doch ihren Willen zur Integration“, kommentierte ein Gast und erhielt dafür viel Zustimmung. Großen Applaus gab es außerdem für die rund 70 ehrenamtlichen Flüchtlingslotsen, die neu zugezogenen Asylbewerbern bei der Eingewöhnung in Kaltenkirchen helfen, Sprachkurse erteilen, sie in Sportvereinen integrieren oder auch Unterhaltungs- und Kulturangebote bieten.

  Bürgermeister Krause hob hervor, dass sich inzwischen auch viele Flüchtlinge ehrenamtlich engagieren, beispielsweise als Dolmetscher. Sie begleiten Landsleute zum Arzt oder sind auch dabei, wenn neue Asylbewerber in Kaltenkirchen eintreffen und zu ihrer Unterkunft gebracht werden. Einen dieser Flüchtlingshelfer bat Hanno Krause aufzustehen und dankte ihm ausdrücklich für seine Hilfe. Dafür bekam der junge Mann viel Beifall aus dem Publikum.

 Ein großes Problem bei der Integration der Flüchtlinge ist nach wie vor die Sprachbarriere. Wie daran gearbeitet wird, diese Hürde zu überwinden, schilderte Nadja Hahn, die Geschäftsführerin der Volkshochschule. Sie wies auf die zahlreichen Kurse für Flüchtlinge und andere Migranten hin, die derzeit laufen. Dank neuer Fördermittel könne nun gewährleistet werden, dass Flüchtlinge schon kurz nach ihrer Ankunft in Kaltenkirchen die ersten Sprachstunden erhielten. „Trotzdem dauert es im Durchschnitt anderthalb Jahre, bis ein Flüchtling die deutsche Sprache gut genug beherrscht, dass zart über seine Integration in den Arbeitsmarkt nachgedacht werden kann“, sagte Stefan Stahl vom Jobcenter. Angesichts des Fachkräftemangels lohne es aber, Geduld zu haben. Der Zuzug von Arbeitskräften werde gebraucht.

 Der Polizeibeamte Gossen erklärte, die Kriminalitätsrate habe sich in Kaltenkirchen durch den Zuzug der Flüchtlinge bislang nicht verändert. In diesem Jahr seien bis jetzt rund 1000 Straftaten registriert worden, davon seien 17 von Flüchtlingen begangen worden. Gossen: „Eine sehr kleine Zahl.“

 Ein Thema, das offenbar viele Gäste bewegte, war die Frage nach der Familienzusammenführung, doch keiner der Podiumsgäste war in der Lage, dazu Zahlen zu nennen. „Das wäre Kaffeesatzleserei“, sagte Meenen.

 Eine Besucherin sprach schließlich ein Thema an, das auch der Stadtverwaltung am Herzen lag: die Frage nach der privaten Unterbringung von Flüchtlingen. Ob es bürokratische Hürden gebe, die dagegen sprächen, wollte sie wissen. „Nein, keine“, war die knappe Antwort von Frank Dunemann. Ein Bürger meldete sich daraufhin und schilderte, wie er selbst zum Vermieter einer geflüchteten Jesidin geworden sei.

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